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Feldenkraisnow

Feldenkrais-Lernen und David Bohms Dialog-Modell by Ilana Nevill

Dieser Artikel erschien in der feldenkrais zeit - Journal für somatisches Lernen - Ausgabe 4, September 2003

DavidBohmDer berühmte Physiker David Bohm (1917-1992), einst Star unter Robert Oppenheimers Studenten, von Einstein zum "intellektuellen Sohn " und vom Dalai Lama zu seinem "wissenschaftlichen Guru " erklärt, gehörte zu den Revolutionären der Quantenphysik. Bohms multidimensionales Modell der Wirklichkeit betrachtet die Totalität der Existenz - einschließlich Materie und Bewusstsein - als nahtlose Einheit: Wie in der Quantenwelt, wo Teilchen, selbst über größte Entfernungen hinweg auf erstaunlich subtile Weise permanent aufeinander reagieren, so hat auch die "Realität" um uns herum mit all ihren scheinbar fein säuberlich gegeneinander abgegrenzten Objekten und Kreaturen Teil an zwei Ordnungssystemen. Die Welt der Materie - Bohms explizite Ordnung - stellt im Grunde nichts anderes dar als die Oberflächenerscheinung einer zweiten "höheren " Existenzschicht, der impliziten oder eingefalteten Ordnung. Diese Ordnung kann als latentes Feld von Potentialitäten beschrieben werden, in dem alles Existierende in einer lebendigen Beziehung gegenseitiger Teilnahme ('mutual participation') steht, aus dem heraus sich letztlich alles entfaltet. "Nichts ist ausschließlich es selbst; sein volles Sein verwirklicht sich nur in dieser Partizipation. " (Bohm 1998 b: 106) Wir jedoch nehmen die Realität meist ganz anders wahr und sind der Ansicht, dass unser Denken uns ein getreues Abbild der "Wahrheit" oder der Wirklichkeit "dort draußen " liefert.

Bohms lebenslange Beschäftigung mit dem Wesen von Denken und Kreativität schlug sich in seinem Dialog-Modell nieder. Es handelt sich dabei um eine Art Erfahrungslabor zur Untersuchung des Denkens als Prozess: "Denken ist Bewegung, doch gleichzeitig sucht Denken Sicherheit, indem es sich an sich selbst festhält... " (David Peat 1997: 180) Damit sperrt sich das Denken selbst in starre Formen ein und ist dann den Lichtern von Las Vegas vergleichbar, "die uns daran hindern, das Universum zu sehen. " (David Bohm 1996: 81)

In der letzten, dem Thema "Dialog" gewidmeten Nummer dieser Zeitschrift fiel auf, wie häufig bei der Beschreibung von Feldenkrais-"Unterricht" Überraschung und Staunen erwähnt werden. Zum Beispiel bemerkt eine Feldenkrais-Lehrerin bei der Arbeit mit einem Klienten, wie ihre Hände sich plötzlich scheinbar selbstständig einen Weg suchen; oder eine Schülerin wundert sich über das Auftauchen ungeahnter Bewegungsmöglichkeiten an ihrem Erfahrungshorizont. Ähnliche Erlebnisse sind fast allen bekannt, die sich mit der Feldenkrais-Methode beschäftigen. Um solch erstaunlich schöpferisches Lernen geht es in diesem Artikel.

Der Kampfsportexperte und Ingenieur (mit Doktortitel in Physik) Moshé Feldenkrais (1904-1984) pflegte zu sagen: "Unser Lernen ist das Wichtigste, was wir haben." (Amherst 9.6.1981: 17) und betonte, das von ihm gemeinte Lernen sei organisch und unmittelbar - im Gegensatz zum konventionell schulischen und akademischen Lernen - oder dem Training von Kunstfertigkeiten, das auch bei Tieren angewendet wird. Diese natürliche Art zu lernen verhalf Feldenkrais selbst zu außerordentlicher Geschicklichkeit, Kompetenz und praktischem Wissen, welche ihn zu einem vollendeten Judomeister werden ließen, ihm in den vierziger Jahren ermöglichten, eine Knieoperation mit ungewissem Ausgang zu vermeiden, und ihn schließlich auch zu einem genialen Pädagogen machten, dem es vor allem darum ging, optimale Bedingungen für Lernen zu schaffen.

1973 antwortete der inzwischen anerkannte somatische Denker und Lehrer in einem Interview auf die Frage, wer seine Lehrer gewesen seien: "Ich selbst. Ich habe mich geweigert, an der Universität Medizin zu studieren, ...mich wie alle anderen ‚verkabeln’ zu lassen. Ich habe gesagt, es macht mir nichts, meine eigenen Fehler zu machen. Ich will aber auf keinen Fall unter Anleitung eines bekannten Professors lernen. Der würde mich nur davon überzeugen, dass er alles besser weiß, und in einem halben Jahr hätte ich meine Neugier verloren und würde lernen wie jeder andere - und ein gutes Diplom bekommen." (Interface Journal 1973: 47f)

«Das erste Erfolgskriterium jedermenschlichen Aktivität, undnotwendige Vorbereitung, ob für wissenschaftliche Entdeckung, oder künstlerische Vision, ist Intensität der Aufmerksamkeit oder, weniger gespreizt ausgedrückt, Liebe.» (W. H. Auden)

Bevor ich auf David Bohm und sein Dialog-Konzept eingehe, möchte ich einen Augenblick erfolgreichen Lernens aus meiner eigenen Praxis beschreiben, der für den Schüler genauso überraschend war wie für mich als Feldenkrais-Pädagogin.

Die folgende kleine Fallstudie wird anschließend gelegentlich bei der Erläuterung von Parallelen zwischen der Feldenkrais-Arbeit und Bohms Dialog-Modell herangezogen werden.

"Ich hab mich wirklich selbst überrascht!"

Der siebenjährige William sauste in wilder Jagd über die Steppe. Er stand aufrecht in seiner Kutsche, die Zügel in einer Hand, mit der anderen schwang er die Peitsche, während ich das auf vier großen Rollen liegende Brett, auf dem der Junge sein Gleichgewicht zu bewahren suchte, langsam - und auch mal etwas schneller - vor und zurück bewegte. Plötzlich hatte William die Idee, in dieser prekären Situation einen Selbstbefreiungstrick auszuprobieren. Ich musste ihm die Handgelenke zusammenbinden (natürlich mit Elastikband, sodass der kleine Held eine Chance hatte, sich zu befreien), und dann sehr aufpassen, denn vielleicht hatte sich das Kind doch einmal zu viel zugemutet. Doch wie so oft bewies William sich selbst und mir, dass das nicht der Fall war. Ich konnte nur staunen, wie geschickt er auf der sich ununterbrochen bewegenden Unterfläche balancierte. Er drehte und wendete sich dabei genau wie der berühmte Houdini, bis er sich aus den Fesseln befreit hatte.

Als William im Alter von drei Jahren zu seiner ersten Feldenkrais Stunde kam, war seine Beziehung zu Bewegung und Raum noch äußerst unsicher und führte zu vielen traumatischen Erlebnissen. Zum Beispiel saß er zuhause oft auf der obersten Treppenstufe und traute sich nicht herab, weil er Angst hatte herunterzupurzeln; oder er hockte in einer Ecke mit dem Gesicht zur Wand, weinte vor Frustration und hieb immer wieder auf seinen linken Arm ein: "Ich hasse Dich! Ich hasse Dich!" Sobald der tapfere Befreiungskünstler seine Hände aus der Fessel gezogen hatte, machte er ganz unerwartet einen großen Luftsprung und landete zu meiner Erleichterung wohlbehalten auf dem Rücken des Pferdes (einem ovalen Gymnastikball). Nun auf dem Pferd galoppierend, rief er triumphierend aus: "Ich hab mich wirklich selbst überrascht!" und fügte nach einer kleinen Denkpause hinzu: "Ich dachte, ich würde das nicht schaffen, aber ich wusste, dass ich nicht fallen würde. " (Um das Verhältnis zwischen solchem Denken und implizitem Wissen soll es in diesem Beitrag gehen.)

Nach dem Erfolgserlebnis war der kleine Junge bereit, sich "auszuruhen " und mir zu erlauben, seinen Körper vorsichtig in noch ungewohnte Möglichkeiten der Rückenbeugung zu bewegen. Daraus entwickelte sich ein neuer Vorschlag: Nächstes Mal wollte er den gleichen Befreiungstrick mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen versuchen. Ein paar Wochen später sollte die Stunde wieder einmal mit einer Kutschenpartie beginnen: "Es macht wirklich Spaß, weil ich gut balancieren kann!" Das war weder Wunschdenken noch leere Prahlerei. Selbstwahrnehmung und Geschicklichkeit des Kindes hatten sich tatsächlich entscheidend verbessert. William hatte wieder einmal bestätigt, dass "unser Selbstbild niemals statisch ist. Es ändert sich von Handlung zu Handlung" (Feldenkrais 1972: 11), jedenfalls solange wir lernen.

Denken soll sich selbst wahrnehmen, Handeln bewusster geschehen

Moshé Feldenkrais und David Bohm hatten beide eine holistische Sicht vom Menschen als eines in fortlaufender Entwicklung befindlichen Wesens, dessen wahres Potential sich unter entsprechenden Bedingungen weit über seine gegenwärtigen Grenzen hinweg entfalten könnte. Beide glaubten, dass Erweiterung und Veränderung des menschlichen Bewusstseins nicht nur möglich, sondern angesichts zunehmend gewalttätigerer Konflikte auf individueller, sozialer und globaler Ebene dringend notwendig sind. Beide waren davon überzeugt, dass wir diese Probleme nur dann wirklich verstehen und meistern lernen, wenn wir unseren Gedanken und Handlungen angemessene Aufmerksamkeit widmen. Beide stimmten auch überein, dass Handeln nur unter Einsatz des ganzen Menschen der jeweiligen Situation wirklich gerecht werden kann.

Feldenkrais pflegte besonders zu betonen, dass die vier Elemente des Handelns - Denken, Bewegung, Emotion und Sinnesempfindung — immer gleichzeitig an jeglicher Handlung beteiligt sind, da sie "niemals getrennt von einander auftreten, nicht einmal für einen einzigen Augenblick". (Amherst 8.6.1981: 2) Er war der festen Überzeugung, dass wenn ein Mensch dank aufmerksamer Beobachtung einen dieser Aspekte verändert, sich auch die drei anderen zu ändern beginnen. "Wir müssen lernen, Denken irgendwie zu beobachten." (Bohm 1996 : 75) David Bohm forderte das Denken heraus, sich selbst und seiner Folgen bewusst zu werden, um ein kapitales Missverständnis aufzuklären: Wir meinen, dass unsere Vorstellungen die Realität wahrheitsgetreu abbilden, obgleich sie in Wirklichkeit primär relative Richtlinien für unser Handeln darstellen: "Denken ist ununterbrochen daran beteiligt, uns selbst sowie der gesamten Realität Form und Gestalt zu geben. Das Denken weiß das jedoch nicht. Das Denken meint, dass es nichts tut." (Bohm 1998 b: 115) Solange wir nicht sehen, dass wir mit unseren Gedanken genau die Wirklichkeit erschaffen, die diese bloß widerzuspiegeln scheinen, werden wir keines unserer Probleme jemals lösen, sondern nur neue verursachen: "Wir können sagen, dass praktisch alle Probleme der Menschheit darauf zurückgehen, dass Denken nicht propriozeptiv ist. Denken produziert unaufhörlich Probleme." (Bohm 1996: 25) Bohm benutzt den Begriff "propriozeptiv" im allgemeinen Sinne von 'Selbstwahrnehmung', obgleich die engere physiologische Bedeutung: 'aus Rezeptoren in Muskeln, Sehnen, Gelenken stammende physiologische Wahrnehmung' gelegentlich mitschwingt.

Moshé Feldenkrais war überzeugt, dass "allein unser Handeln uns direkt zugänglich ist" (Amherst 8.6.1981: 2) und konzentrierte sich insbesondere auf Bewegung - als einer relativ leicht beobacht- und veränderbaren Form des Handelns. "Wir müssen unsere Intention verstehen - und wie diese Intention verwirklicht wird. Wenn uns das klar ist, stehen uns unendliche Möglichkeiten zur Verfügung." (ibid.: 6) Feldenkrais beschrieb die auf dem Verstehen unseres eigenen Tuns basierende menschliche Reife als "starkes Selbst" und meinte damit Freiheit von rein konditioniertem oder zwanghaftem Verhalten, die Fähigkeit zu Selbstreflektion und Selbstbeobachtung sowie verantwortliches Denken und Handeln. Während das durchschnittliche Ich-Bild nur einen Bruchteil dessen reflektiert, was der betreffende Mensch an in ihm angelegten Möglichkeiten realisieren könnte, (Feldenkrais 1972: 11) ist diese Differenz im Fall des starken Selbst weitaus kleiner.

Der Begriff des Ich-Bildes nimmt in Moshé Feldenkrais' Denken eine Schlüsselstellung ein und ist dem vergleichbar, was David Böhm unterschwellige Infrastruktur nennt (siehe unten). Das weitgehend unbewusste Ich-Bild eines Menschen ist überwiegend Ergebnis von Sozialisation und Erziehung und bestimmt, wie dieser Mensch im Laufe seines Lebens denkt, fühlt und handelt. Durch Korrektur einzelner Fehler oder Handlungen kann die oft enorme Diskrepanz zwischen Bild und Wirklichkeit kaum wirksam reduziert werden. Letztlich bedarf es dazu der systematischen Korrektur des Ich-Bildes selbst. Eine solch tiefgreifende Veränderung war Hauptziel des von Feldenkrais entwickelten doppelten Ansatzes, dem es primär um den motorischen Aspekt des Selbst-Bildes geht. Der oft erstaunliche Erfolg des Feldenkraisschen Ansatzes beruht auf systematischer Beanspruchung der enormen Plastizität des zentralen Nervensystems, d.h. seiner ausgeprägten Fähigkeit zu permanenter Selbstregulierung und Reorganisation.

■ In Bewusstheit durch Bewegung werden Lernende vorwiegend verbal angeleitet, über den kinästhetischen Sinn herauszufinden, dass Körper und Geist eins sind und als untrennbares Ganzes auch optimal funktionieren können.

■ In Funktionaler Integration (FI) werden in einer Einzelstunde ähnliche Erfahrungen vermittelt - diesmal überwiegend nicht-verbal, d.h. durch die Hände des/der Feldenkrais-Lehrers/in.

In beiden Fällen schulen klug strukturierte, angenehm-spielerische Bewegungen die Aufmersamkeit: in der Selbstwahrnehmung (auch für subtile Unterschiede); für das sich laufend ändernde Verhältnis des eigenen Skeletts zur Schwerkraft; für die Tatsache, dass ein sich harmonisch, ohne unnötige Anstrengung bewegendes Ganzes qualitativ mehr ist als die Summe seiner Teile; auch dafür, dass Bewegung in der bloßen Vorstellung oft zu erstaunlicheren Ergebnissen führt als die Bewegung selbst; vor allem aber dafür, dass dabei all das, was einem zunächst völlig unmöglich erscheint, sich auf einmal leicht und elegant anfühlt.

Im Prozess solch fortlaufender Differenzierung in der Selbstwahrnehmung entdecken nach Feldenkrais Lernende allerdings auch, dass sich zwischen Absicht und Tun sowie zwischen dem, was sie zu tun vermeinen, und dem, was sie tatsächlich tun, oft unerwartete Abgründe auftun, die sich jedoch fast mühelos überwinden lassen, wenn sie sich auf die Intelligenz ihres eigenen Nervensystems verlassen. Zwanghaftes Besser- oder Richtigmachen-Wollen und Willensanstrengungen führen dagegen meist zu nichts als Frustration und Entmutigung. Bei Bewusstheit durch Bewegung wie bei FI geht es letztlich darum, Lernende dabei zu unterstützen, sich von eingefahrenen Gewohnheiten der Selbstkontrolle und des Denkens zu befreien, durch die ein spontan-schöpferisches Eingehen auf die Anforderungen der jeweiligen Lebenssituation behindert oder unmöglich gemacht wird. Erhoffter Gewinn ist eine kontinuierliche Verfeinerung und Ausreifung des Nervensystems bzw. fortlaufende Entfaltung und Aneignung weniger dysfunktional-destruktiver Bewegungs- und Verhaltensmuster.

David Bohms Dialog-Modell

Bohm erkannte schon früh, dass in der Welt der Wissenschaft, in der es allen Beteiligten erklärtermaßen um Wahrheit geht, harter Wettkampf, Feindseligkeit und Gewalttätigkeit ebenso zu Hause sind wie in der übrigen Welt. Der Physiker-Philosoph kam allmählich zu der Überzeugung, dass Widersprüche und Konflikte in der Struktur menschlicher Erfahrung (auf allen Ebenen: individuell, gesellschaftlich, global) nur unter einer Bedingung zu überwinden sind: All die meist unbewussten, oft starr kurzsichtigen Annahmen, Werturteile und Meinungen, die allzu oft unserem Denken, Entscheiden und Handeln zugrunde liegen (Bohm gebraucht dafür den Ausdruck "tacit infrastructure "- 'tacit' bedeutet wörtlich 'stillschweigend' - unterschwellige Infrastruktur und siedelt diese in der ersten impliziten Ordnung an), müssen bewusst und damit so weit wie möglich unschädlich gemacht werden. Das ist nur kraft des schöpferischen Potentials möglich, welches allem verkörperten Leben innewohnt und eine zweite implizite oder generative Ordnung darstellt, die in allem Existierenden Wandel und Evolution bewirkt. Die Bohmsche Dialog-Praxis versteht sich als offenes Experimentierfeld oder Labor. Forschungsziele sind Erweiterung und Verwandlung des menschlichen Bewusstseins.

Während das Wort Dialog - im Gegensatz zu Monolog - dem Wörterbuch zufolge eine Unterhaltung oder Diskussion zwischen zwei Personen oder den Vertretern zweier Gruppen bezeichnet, unterscheidet sich Bohms Definition ganz entscheidend von dieser Definition: "Der Begriff Dialog leitet sich von einem griechischen Wort ab, in dem dia "durch" und logos "das Wort " bedeutet. Allerdings bezieht sich "Wort" hier nicht auf den bloßen Klang, sondern auf dessen Bedeutung. Der Dialog kann daher... als ungehindertes Fließen von Sinn und Bedeutung ('meaning') zwischen Gesprächspartnern angesehen werden." (Bohm 2003: 294f) Ein so definierter Dialog kann ebenso wirksam von einem Einzelnen wie von zwei Personen oder größeren Gruppen praktiziert werden.

Wo es in der Feldenkrais-Methode um Verständnis von individueller und/oder gemeinsamer Wahrnehmung und Lernen geht, lassen sich die folgenden Bohmschen Dialog-Kriterien daher sowohl auf die Erhellung der "Schüler-" wie der "Lehrerrolle" anwenden - vorausgesetzt, man geht davon aus, dass beide für Neues offen sind.

Hier können nur einige der Parallelen und Unterschiede zwischen Bohms und Feldenkrais' Ansatz zur Bewusstseinsveränderung aufgezeigt werden. Feldenkraiskollegen/innen werden beim Lesen weitere sicher selbst entdecken.

Die Bohmsche Dialog-Gruppe

In einer größeren Dialog-Gruppe wird man sehr bald zu spüren bekommen, wie viel in der Gesellschaft als Ganzem vorhandener Konfliktstoff, wie viel Neigung zu Gewalttätigkeit in diesem Mikrokosmos auf manchmal explosive Entladung warten. Zumindest zu Anfang des Dialogprozesses sind Polarisierung und Meinungsstreit die Regel. Wenn diametral entgegengesetzte Wertvorstellungen aufeinander prallen, kann es manchmal recht ungemütlich werden. Dabei kommen die Teilnehmer schließlich auch nicht länger umhin zu erkennen, wie wenig kohärent das eigene und das Denken anderer ist. Außerdem geht ihnen dabei früher oder später auf, wie stark das Verhalten aller von Gewohnheiten, zwanghaften Denkmustern und rein automatisch-emotionalen Reaktionen bestimmt wird. Mit der Zeit aber wachsen innerer Abstand, Geduld und Einfühlungsvermögen - gegenüber sich selbst und gegenüber anderen. Dann beginnt der Dialogprozess selbstreflexiver und damit fruchtbarer zu werden.

Regeln und Merkmale des "Dialog-Spiels"

Bei der ersten Zusammenkunft einer Dialog-Gruppe, erläutert jemand, der mit dem Prozess vertraut ist, Prinzipien, Ziele, und Grundregeln und sorgt dafür dass diese von allen verstanden und akzeptiert werden. Diese Moderatorenrolle entfällt, sobald der Dialog-Prozess in Gang gekommen ist, denn Autorität und Hierarchie haben im Bohmschen Dialog keinen Platz.

■ Die Teilnehmer erklären sich damit einverstanden, dass es um Entfaltung eines freien Spiels von Ideen, um ungegängelte Forschung geht: der Weg entsteht im Gehen.

■ Es gibt kein bestimmtes Programm; es sind keine Entscheidungen zu treffen, keine Probleme zu lösen, am Ende keine Resultate vorzuweisen, keine Veränderungen vorzunehmen. Es gibt nur eine Aufgabe: einander vorurteilslos zuzuhören und aufmerksam zu verfolgen, was in einem selbst und in der Gruppe vor sich geht.

■ Jeder Dialog-Beitrag ist genauso berechtigt und wert, bedacht zu werden, wie jeder andere. Das heißt, keine scheinbar noch so "abwegige", "verrückte,"falsche" Vorstellung wird zurückgewiesen.

Teilnehmer, die auf artig-nettes Plaudern oder intellektuelles Klingenkreuzen nicht verzichten möchten, verlassen die Gruppe früher oder später. Diejenigen, die bleiben, lernen mit der Zeit, den Geist des Dialogs zu verstehen und in ihrem Verhalten zu verkörpern. Möglicherweise lernen sie sogar, oft länger anhaltendes Schweigen positiv, d.h. als leeren Raum zu empfinden, der für alles offensteht, ganz besonders aber für plötzlich unbehindert fließende, wahrhaftige Kommunikation:

„Wahrheit erwächst nicht aus Meinungen; sie muss aus etwas anderem erwachsen - vielleicht aus einer freieren Bewegung des stillschweigenden Denkens ('tacit mind')." (Bohm 1996: 35)

Bei der Funktionalen Integration machen wir ähnliche Erfahrungen. Wenn wir, wie es im Feldenkrais-Jargon manchmal heißt, "in neutral", d.h. innerlich still bei uns selbst und dabei offen für subtil richtungweisende Impulse sind, machen unsere Hände meist intuitiv genau das, was dem/der Lernenden hilft, bisher nicht entdeckte Möglichkeiten zu verwirklichen. Es fragt sich nun, wie die oben aufgeführten Dialogkriterien auf die kleine Fallstudie anzuwenden sind.

■ Keine konventionelle Hierarchie und Autorität

Zu Anfang betrachtete mich der damals dreijährige William als Fremde, die ihm vielleicht wehtun würde. Über mehrere Wochen hinweg war es immer dasselbe: sobald sich meine Hand in seine Richtung bewegte, sagte er: "Ich will jetzt nach Hause!" Kein Wunder, dass der Kleine Angst hatte. Gleich nach der Geburt war er operiert worden, um einer übermäßigen Flüssigkeitsansammlung in den Gehirnkammern (Hydrozephalus) vorzubeugen. Seine spastische Lähmung war von Spezialisten wiederholt begutachtet und therapeutisch behandelt worden. Eines Tages hatte seine Mutter die Entscheidung getroffen, sich und ihr Kind nicht länger einer täglich vorgeschriebenen Tortur zu unterwerfen, die darin bestand, den linken Arm ihres Kindes durch mehrmaliges Nachvorneziehen aus der an den Brustkorb gepressten Haltung zu lösen. Nach dem Erlebnis solch schmerzhafter Therapiemanöver war das Thema Autorität zwischen dem Kind und mir mit höchster Vorsicht zu behandeln.

Schließlich kam die Wende - ganz unerwartet, obgleich sie in vielen vorsichtigen Ansätzen beim Spielen vorbereitet worden war: William galoppierte auf seinem imaginären Pferd, während ich ihn von hinten leicht festhielt. Plötzlich drehte der Kleine sich um, sah mir in die Augen und sagte: "Ilana, du fässt mich doch tatsächlich an!" In diesem Augenblick wurden wir Freunde. Das Thema Autorität war damit erledigt.

Mir war klar, dass William vor allem dank der Aufgeschlossenheit und geduldigen Unterstützung seiner Familie eine besonders gute Chance hatte, ein tragfähiges, seinem Potential entsprechendes Selbstbild zu entwickeln. Viele andere Kinder, deren Eltern von anerkannten Autoritäten die Diagnose bekommen, dass ihr Kind höchstwahrschlich nie laufen, nie sprechen wird, erhalten nicht die gleichen Lernchancen.

■ Kein vorgeschriebenes Programm, kein Leistungsdruck: Der Weg entsteht beim Gehen

Damit hatten William und ich es nicht so leicht - besonders in den ersten Monaten. Die Symptome, mit denen der Kleine zu tun hatte: spastische Lähmung des linken Beins (im linken Arm viel ausgeprägter), Sehbehinderung, unzulängliche Raumwahrnehmung und damit verbundene Unsicherheit bei der Bewegung, waren nicht so gravierend wie zunächst befürchtet. Doch litt der kleine Junge sehr darunter, dass er nicht alles genauso gut wie andere Kinder machen konnte. Williams unausgesprochenes Programm war, genau wie andere zu werden. Angesichts seiner Frustration und seiner eindeutig förderungsfähigen Möglichkeiten kribbeltes es oft in den Fingerspitzen meiner 'Feldenkrais-Hände ". Doch der kollosale Argwohn, den der Kleine allen Erwachsenen in Therapeutenrolle entgegenbrachte, zwang mich zu Geduld und Zurückhaltung.

Mir blieb also anfänglich nichts anderes übrig, als mich eingedenk des Feldenkrais-Diktums: "Das einzige Prinzip dieser Methode ist, dass es kein Prinzip gibt", dem Kind in seinen oft kompensatorischen Fantasieaufschwüngen zu folgen. Williams Selbstbild (auf Spielplatz und später Schulhof, gelegentlich etwas angeschlagen) wurde auf diese Weise immer wieder merklich stabilisiert. Kurz gesagt, William war erst einmal mein Lehrer und brachte mir im gemeinsamen Spiel bei, wie ich ihm bei den unmöglichsten Missionen und unglaublichsten Heldentaten behilflich sein konnte. Während wir Riesen umlegten, Kinder aus brennden Häusern retteten, oder "böse Planeten " besiegten, nahm ich alle erdenklichen Gelegenheiten wahr, bei denen die imaginären Schlachten vielleicht mit echten Siegen in Feldenkraisschem Sinne enden konnten. Das heißt, ich versuchte immer wieder, nicht allzu schwierige Lernsituationen in unser Spiel einzubauen, welche bewegliche Aufmerksamkeit und körperliche Geschicklichkeit erforderten. So kletterten wir z.B. mehrere Wochen hintereinander "zum Spielen" auf den Dachboden. Beim Festhalten an der Leiter begann Williams linker Arm sich ganz von allein vom Körper zu lösen und zu strecken. Ein wackelig runder Korb wurde zum Boot, das nur dann nicht kenterte, wenn das Kind mit zur Seite ausgebreiteten Armen darin saß. Ein langes Brett diente mehreren Zwecken. Mal war es ein mehr oder weniger steiler Abhang, mal Rutschbahn oder Leiter. Ein Besenstiel diente dem kleinen Feuerwehrmann dazu, bei Alarm auf schnellstem Wege sein Fahrzeug zu erreichen. Auf diese Weise lernten wir Lektion Nummer drei:

■ Keine noch so "verrückte" Idee wird zurückgewiesen

Eine solche Idee war in meinen Augen die anfangs beschriebene Befreiungsaktion à la Houdini. Dass William am Ende voller Genugtuung sagen konnte: "Ich dachte, ich würde das nicht schaffen, aber ich wusste, dass ich nicht fallen würde!" bewies, zu welch geistig-emotional-physischer Leistung der Siebenjährige fähig war: Solange er den komplex multi-sensorischen Reizen bei seinem prekären Balance- und Befreiungsakt intensive Aufmerksamkeit schenkte, hatte der Gedanke an Versagen oder Misserfolg keine Macht über die - nach David Bohm primäre - Funktion des (unterschwelligen) Denkens, nämlich Handlung zu steuern.

Bei all diesen Spielen begann sich wie im erfolgreich verlaufenden Bohmschen Dialog gegenseitiges Vertrauen zu entwickeln. Allmählich wurden die Fl-Stunden mit William immer mehr zu dem "Tanz " oder "unterschwelligen Kommunikationsprozess " ('subliminal communication') zwischen zwei Nervensystemen, von dem Moshé Feldenkrais bei der Erläuterung des Wesens Funktionaler Integration oft sprach. Schließlich begann sich der kleine Junge sogar auf unsere zunehmend schweigsameren kinästhetischen Dialoge und die Gelegenheit, intensiv in sich hineinzuhören, zu freuen, denn dabei stieß er immer häufiger auf das untrügliche Gefühl von neuen Freiheitsgraden und neuer Leichtigkeit - d.h. auf das innere Wissen, was wirklich möglich ist und "geht". All das schlug sich in Williams wachsendem Bewegungsrepertoire und Selbstbild nieder.

„Liebe heißt nicht, einander innig anzuschauen, sondern den Blick dieselbe Richtung zu lenken.“ (Antoine de St. Exupery)

Partizipierendes Denken

In gewisser Weise illustrierte das allmähliche Entstehen kinästhetisch-propriozeptiver 'Gespräche' zwischen Kind und Feldenkrais-Lehrerin ziemlich genau, was in einer Bohmschen Dialog-Gruppe abläuft: Auf Phasen von Frustration und Chaos folgt ein geordneteres Miteinander-Sprechen. D.h. sobald die Teilnehmer ihre individuellen Standpunkte weniger zwanghaft als unaufgebbar verteidigen, die Meinungen anderer weniger aggressiv als dumm oder falsch zurückweisen, kann es dazu kommen, dass alles, was in der Gruppe geäußert wird, alle Annahmen, Ansichten und Urteile, als Aspekte einer gemeinsamen Sinn- oder Bedeutungsstruktur wahrgenommen und respektiert werden. Daraus mag dann eine gemeinsame Absicht ('shared purpose') hervorgehen. Gleichzeitig wächst dabei auch das Bewusstsein für die in der Gruppe vorhandenen ungeahnten Schätze an unausgesprochen-unterschwelligem Wissen ('tacit knowledge'). An diesem Punkt wird der Mikrokosmos der Dialog-Gruppe zum potentiellen Saatbett umfassenderer, unter Umständen sogar gesellschaftlicher Veränderungen.

Jeder, der schon einmal an einer solchen Gruppe teilgenommen hat, wird sich an elektrisierende Augenblicke - "Zufälle" oder Synchronismen - erinnern, in denen solch verborgenes Wissen, die Ahnung einer gemeinsamen Absicht, plötzlich sozusagen greifbar im Raum stehen. Es kommt z.B. immer häufiger vor, dass jemand ganz betroffen bekennt: "Genau das wollte ich auch gerade sagen!" Das Denken in der Gruppe beginnt sich mehr und mehr aus den Fesseln eingefleischter Gewohnheiten und Zwänge zu befreien, und dabei wird eine in der Struktur unseres Bewusstseins latent noch vorhandene, viel ältere Form der Wahrnehmung reaktiviert, welche Bohm partizipierendes Denken nennt. Dies unterscheidet sich in vieler Hinsicht vom weitaus begrenzteren ergebnisorientierten, überwiegend rein verbalen Denken, welches auch Moshé Feldenkrais als eins der größten Hindernisse für absichtsvoll spontan der jeweiligen Aufgabe und Situation angepasstes Handeln ansah, - vor allem deshalb, weil es den Zugang zu all dem versperrt, was Millionen Jahre Evolutionsgeschichte in unserem Gehirn verankert haben.

Partizipierendes Denken kann nach Bohm tiefgreifende Um- und Neugestaltung bewirken: Je nachdem, wie wir an ihr teilnehmen, erschaffen wir uns unsere Welt und dabei auch uns selbst. Solch holistisches Denken erkennt, dass alles an allem teilhat und Grenzen durchlässig sind. Es ist in der Lage, grundlegende Zusammenhänge und Beziehungen zu fühlen. Es kann auch spüren, dass der Welt der materiellen Erscheinungen ein lebendiger, allem gemeinsamer Wesenskern innewohnt. Bohm-Schüler und Dialog-Experte Anthony Blake spricht davon, dass solches Denken uns erlaubt, "mit der grundlegenden, unsere Freiheit betreffenden Sinnstruktur in Berührung zu kommen - mit dem Unfassbaren mitten unter uns, das letztlich unsere Menschlichkeit ausmacht. Bewussheit und körperliche Wirklichkeit verschmelzen zur Einheit." (Blake 2003 b: 20)

Zurück zu dem kleinen Jungen, dessen wachsendes Vertrauen zu sich selbst und zu mir (als"Freundin ", wie er oft betonte), ihm zunehmend half einen Weg zu finden, seine Absichten erfolgreicher zu verwirklichen. Zum Beispiel fand er es bald ganz leicht, auch seinen linken Arm nach vorne oder oben zu strecken — oder nach hinten, um ein Spielzeug aus seiner rückwärtigen Hosentasche zu holen. Das zwischen uns herrschende unausgesprochene Einverständnis hinsichtlich der Richtung unserer spielerischen Forschungsaktivitäten war dem zu verdanken, was Bohm mit partizipatorischem Denken meinte; unsere Kommunikation auf kinästhetisch-propriozeptiver Ebene entsprach dem, was Moshé Feldenkrais zur Beschreibung des Fl-Prozesses zu sagen pflegte: "Die Kommunikation läuft in beide Richtungen. Die andere Person kann gar nicht anders, als sich mit mir und mit der gleichen Sanftheit zu bewegen." (Amherst 8.6.1981: 10) Bei dieser Gelegenheit fügte er hinzu, es sei praktisch unmöglich zu erkennen, wer die Bewegung einleitet.

"Suspendieren" von Störfaktoren und Selbstwahrnehmung: Das Denken wird propriozeptiv"

Jetzt kommen wir zu dem Aspekt des Bohmschen Dialogs, der allen Beteiligten die meisten Schwierigkeiten bereitet. David Bohm beharrte besonders auf einem Punkt: Was wirklich bei Denken und Kommunikation vor sich geht, lässt sich nur dann verlässlich beobachten, wenn alle persönlichen Meinungen und Werturteile "suspendiert", d.h. eine Zeitlang in der Schwebe gehalten werden. Erst dann ist zu erkennen, wie viel uneingestandene Gewalt in unserem Bestreben zum Ausdruck kommt, die eigene Meinung um jeden Preis zu verteidigen bzw. andere zu beeinflussen oder zu überreden. Davon ist auch die vermeintlich ganz neutraleVermittlung von Informationen betroffen. "Wir gehen davon aus, dass es sich darum handelt, Informationen von uns auf andere zu übertragen. Es ist jedoch nicht übertrieben, dies als gewalttägige Handlung zu bezeichnen." (Blake 2003 c: 1) Moshé Feldenkrais meinte ähnliches, wenn er vom Ergebnis solchen Informiertwerdens sagte: "Es geht darum, den uns mit besten Intentionen eingetrichterten Unsinn ('junk') loszuwerden." (Berkeley Lectures 1973)

Bei den im Dialog gelegentlich subjektiv erlebten Angriffen auf die eigene Weltanschauung - und damit auf die eigene Identität - kommen automatisch Reaktionen wie Wut, Hass, Feindseligkeit hoch und müssen ebenfalls 'suspendiert' bzw. neutralisiert werden: "Sie könnten zwar sagen 'Ich sollte mich nicht ärgern - ich bin auch nicht ernsthaft wütend', doch das würde bedeuten, die bewusste Wahrnehmung Ihrer Gefühle zu unterdrücken. Die gewalttätige Komponente wäre immer noch da. Es geht also weder darum, den Ärger einfach zu negieren, noch um Verhinderung seiner Manifestation im Verhalten. Es geht vielmehr darum, all das - sozusagen auf Messers Schneide - in der Schwebe zu halten, sodass Sie den gesamten Prozess sehen können." (Bohm 1996: 76)

Was musste ich als Feldenkrais-Lehrerin bei der Arbeit mit William 'suspendieren '? Zunächst einmal allen Ehrgeiz, möglichst schnell das Vertrauen des Kindes zu gewinnen. Zweitens jegliche Hoffnung auf zügig systematische Umsetzung aller meiner Ideen hinsichtlich dessen, was der Junge brauchte, um das, was er wollte zu verwirklichen. Stattdessen hatte ich zunächst einmal William die Führung zu überlassen. Wie bereits erwähnt, herrschte über die Richtung des Weges, den wir uns gemeinsam erschufen, von Anfang an implizite Übereinstimmung.

Als mir der Dreijährige schließlich offiziell erlaubte, ihn anzufassen, kam immer wieder einmal die (möglichst neutral zu haltende) Furcht in mir hoch, ich könnte aus Versehen den dünnen Schlauch zudrücken, der direkt unter der Haut des Kindes vom Schädel, an der rechten Halsseite entlang überschüssige Flüssigkeit in den Brustraum abfließen lässt. Die feinmotorische Verbesserung der linken Hand musste auch so lange ein Traum bleiben, bis der kleine Junge selbst daran interessiert war. Jetzt ist William acht Jahre alt, hat seit der Umschulung auf eine hervorragende kleine Sonderschule keine täglichen Migräneanfälle mehr und ist wirklich motiviert zu erkunden, wie er seiner linken Hand zu mehr Kraft und Geschicklichkeit verhelfen kann. Besonders in solch vielversprechenden Phasen bleibt mir nichts übrig, als mich damit abzufinden, dass ich nicht regelmäßig mit William arbeiten kann.

Williams größte Aufgabe bestand zunächst darin, sein abgrundtiefes Mißtrauen gegenüber der neuen "Therapeutin " in der Schwebe zu halten. Mit Angst vor Unfällen dagegen hatte er, solange seine Fantasie ihn in aufregende Abenteuer verwickelte, kaum zu tun. Sobald William mehr Interesse an körperlicher Gewandtheit zu zeigen begann, sorgte ich dafür, dass er sich zunehmend bewusster mit den konkreten Anforderungen der gegenwärtigen Situation auseinandersetzte und vor allem lernte, sich - trotz der ihm oft gegenwärtigen Möglichkeit, es vielleicht einmal nicht zu schaffen - auf den propriozeptiv-kinästhetischen Sinn zu verlassen. Das Gelingen des waghalsigen Houdini Tricks war ein einschneidend positives Erlebnis für das Kind und fand sich, wie bereits erwähnt, schon bald in seinem Selbstbild verankert: "Ich kann gut balancieren."

Das geduldig aufmerksame In-der-Schwebe-Halten aller Interaktion, Kommunikation, Denken und Handeln störenden Faktoren ist nach Bohm deshalb so wichtig, weil dabei in uns allen latent vorhandene kreaktive Kräfte frei werden, die sonst blockiert bleiben würden. Was Moshé Feldenkrais 'habit and compulsion' (Gewohnheit und Zwang) nannte, bezeichnete David Bohm als Impuls der Notwendigkeit. Er meinte damit die zwanghafte Neigung, an der eigenen, als der allein richtigen Sichtweise festzuhalten und nur den eigenen Lösungsweg gelten zu lassen.

Öffnung für neue Ordnungen und Sinnzusammenhänge

Sobald in der Dialogsituation klar wird, dass Stagnation zu vermeiden ist, wenn die Teilnehmer sich eingestehen, dass es vielleicht doch noch andere Möglichkeiten als die von ihnen verfochtenen gibt, machen Polarisierung und Konflikt der gemeinsamen Suche nach dem, was in der jeweiligen Situation wirklich notwendig ist, Platz. Dabei kommt es zur Erschaffung ganz neuer Ordnungen der Notwendigkeit, welche Dichtern, Künstlern, schöpferischen Wissenschaftlern - sowie allen, mit dem Wesen der Feldenkrais-Methode Vertrauten - fast selbstverständlich und doch immer wieder überraschend sind. Wo diese höheren (weil kohärenteren) Ordnungen an die Stelle des kindisch egozentrischen Impulses der Notwendigkeit treten, wird dysfunktionales Denken, Fühlen und Handeln viel weniger Macht über uns haben. Wenn sich Dialog-Praktizierende solch neuen Ordnungen öffnen, werden sie immer häufiger feststellen, daß sowohl scheinbares wie wirkliches Mißverstandenwerden auch etwas Positives sein kann, da es oft zu ungeahnt neuen Sinnzusammenhängen führt. In der Feldenkrais-Arbeit gibt es dazu eine Parallele in Form der expliziten Erlaubnis zum Fehlermachen, das dem Lernen viel förderlicher ist als ängstliches Richtigmachenwollen. In solch fortgeschrittenem, allerdings erst nach vielen Gruppensitzungen erreichtem Dialogstadium fällt es den Teilnehmern leichter, den Bewegungen ihres Denkens bewusst bis zu seinen Konsequenzen zu folgen. Dabei kommen sie gewöhnlich zu folgender Einsicht: "Wir sind alle in der gleichen Lage: Jeder von uns hat bestimmte Grundannahmen, jeder hält unnachgiebig daran fest; jeder leidet unter neuro-chemischen Störungen." (Bohm 2003: 325) Es zeigt sich also, dass in allen der gleiche Prozess abläuft: Irgendein Gedanke löst eine bestimmte - meist negative - Emotion aus; diese Emotion bewirkt ein bestimmtes körperliches Gefühl, welches wiederum dem ursprünglichen Gedanken als Rechtfertigung und Verstärkung dient, nach dem Muster: "Mir wird schlecht, wenn ich an sie/ihn denke - also stimmt es: sie/er will mich krank machen!" So kommt es zu einer neuen negativen Gefühlsaufwallung, und die Spirale: Gedanke, Emotion, Körperempfindung dreht sich unerbittlich weiter, "ohne jemals durch das 'Ich' zu laufen." (Bohm 1996: 74)

Bei aufmerksamer Beobachtung erweist sich dies Selbst, von dem wir alle meinen, es sei die zentrale Instanz, die alles erlebt, entscheidet und tut, die unser Fühlen, Denken und Handeln zu einer Einheit zusammenschweißt, denn auch weitgehend als Einbildung. Moshé Feldenkrais war wie Bohm von der Infantilität des egozentrischen Festhaltens an der Wichtigkeit des eigenen Selbst überzeugt: "Wer es nicht dahin bringt, dass sein Eigenwert aufhört, seine Haupttriebkraft zu sein, der wird keine ihn wirklich befriedigende Besserung erzielen. Indem einer wächst und sich verbessert, dreht sich sein Leben zunehmend um das Was und Wie seines Tuns. Das Wer solchen Tuns wird dagegen immer unwichtiger." (Feldenkrais 1972: 19)

Für Bohm kann der Körper als eine Art Selbst angesehen werden. (Wie für Feldenkrais war er auch für Bohm immer eine durch propriozeptiv kinästhetische Reize ununterbrochene, mit sofortigem Feedback über die eigene Aktivität versehene Geist-Körper-Einheit.) Die physiologisch begründete Eigenwahrnehmung sowie der dem Körper innewohnende Sinn für stimmige Zusammenhänge oder Kohärenz, Ordnung und Harmonie, so Bohm, werden bei jeder Bewegung und Handlung laufend differenziert und verfeinert. Ohne diese Art von Feedback und Selbstreferenz könnte kein Kind laufen oder Fahrrad fahren lernen. Ohne sie wäre niemand in der Lage, seine Absichten zu verwirklichen. Das Erleben von Mangel an Ordnung und Zusammenhang spielt bei diesem Prozess laufender Annäherungen an das vom Betreffenden jeweils angestrebte Ziel eine wichtige Rolle: "Wir brauchen das negative Gefühl von Unstimmigkeit als Weg zur Kohärenz." (Bohm 1996: 78)

Auch beim spielerischen Ausprobieren von Bewegungsalternativen in der Feldenkrais-Methode ist dieser Weg der sicherste zum Erfolg, d.h. zu Freude und ästhetischer Befriedigung, welche alle Schüler empfinden, wenn scheinbar "Unmögliches" auf einmal ganz unproblematisch ist und sich ihre Bewegungen leicht und elegant anfühlen. Bei der Arbeit mit Erwachsenen kann die Überzeugung, dass es nur eine - meist lebenslang praktizierte, doch keineswegs optimale - Möglichkeit gibt (Bohms 'Impuls der Notwendigkeit') allerdings gelegentlich zu einem nicht so leicht zu überwindenden Hindernis werden. Klienten/innen beharren z.B. manchmal auf einer akuten Form hilfloser Selbstentfremdung, indem sie dauernd davon reden, dass 'es' (z.B. ihr Rücken, Nacken oder Hüftgelenk) einfach nicht mitmacht und nicht funktioniert, d.h. sie daran hindert, so zu leben, wie sie möchten... Bei Kindern ist eine solche Selbstwahrnehmung und Kreativität hemmende Reaktionsweise meist viel weniger ausgesprägt. Dank der herzerfrischenden Neugier und Fantasie des Jungen stellte diese Art von Reaktionen (und Rationalisierungen) bei der Arbeit mit William überhaupt kein Problem dar.

Besonders interessant war für mich, dass der Kleine anfangs in dem Alter war, in dem der Kampf zwischen "Omnipotenz und Unbedeutsamkeit" ('omnipotence and insignificance'), von dem Feldenkrais in seinen Berkeley-Vorträgen sprach, noch merklich das Nervensystem beschäftigt. Feldenkrais erläuterte bei dieser Gelegenheit, dass wir die "innere absolute Wichtigkeit" oder Omnipotenz (im Säuglingsalter tatsächlich erlebbar) beim Heranwachsen mit der uns allmählich dämmernden relativen Unbedeutsamkeit der eigenen Person in Einklang bringen müssen. Wenn diese Aufgabe bis zum Erwachsenenalter nicht gemeistert wird, kommt es zu oft komplexen Existenzproblemen und Lebensdramen, weil das Nervensystem des Betreffenden in diesem Fall nicht in der Lage ist, nützliches Wissen zu erwerben.

Konstruktives Verhalten

Beide in diesem Artikel vorgestellten Ansätze können einen wertvollen Beitrag zu Erhellung und Neutralisierung der in uns allen versteckten Gewalttätigkeit leisten. Moshé Feldenkrais wurde nie müde darauf hinzuweisen, dass Leistungsstreben mit dem Ziel, sich selbst zu übertreffen, eine Art Selbstvergewaltigung, d.h. destruktives Verhalten ('destructive functioning') darstellt. Solches Verhalten war in seinen Augen neurotisch, asozial und letztlich zum Scheitern verurteilt: "Eine Person, die auf neurotische Weise ein neurotisches Ziel verfolgt, versagt gewöhnlich und zerstört sich oft selbst." (Feldenkrais Berkeley Lectures 1973) Konstruktives Verhalten ('constructive functioning') erfordert Neutralisierung (Bohms 'Suspension') von übermäßigem Ehrgeiz und zwanghafter Anstrengung - als Grundvoraussetzung für den harmonischen Ausgleich des so manches menschliche Nervensystem belastenden Hin und Hers zwischen kaum bezwinglicher Sehnsucht nach Omnipotenz und dem deprimierenden Gefühl von Unzulänglichkeit und Unbedeutsamkeit.

Feldenkrais betonte ebenfalls, dass im Voraus festgelegte Zielsetzungen besser neutralisert werden sollten: "Wenn wir die zu erzielende Leistung schon kennen, bevor wir gelernt haben, wie man lernt, stoßen wir bloß an die Grenzen unserer Unwissenheit." (Learning to Learn: 13)

«Wichtig ist, die Person dazu zu bringen, sich selbst zu lieben nicht bloß, sich zu mögen...Wenn Sie jemand nehmen, der sich selbst hasst. kein Vertrauen hat, auf den eigenen Füßen zu stehen ... Wer schafft das wohl?» Moshé Feldenkrais, 20. Juni 1977

Anstrengung und Leistungsstreben -ja sogar u.U. durchaus positiv zu verstehender Aggression - räumte Mosh Feldenkrais jedoch auch einen Platz ein: "Willentliche Anstrengungen sollten hinsichtlich höherer menschlicher Funktionen geschult werden, nicht jedoch um zu beweisen, wieviel Schmerz oder Erschöpfung man aushalten kann." (Berkeley Lectures 1973)

Berührungspunkt: Unbegrenzte Aufmerksamkeit

Mit jeweils quasi laboratorischen Untersuchungen zu Erweiterung und Veränderung menschlichen Bewusstseins leisteten Moshé Feldenkrais und David Bohm Pionierarbeit. Ganz selten wurden bereits zu ihrer Zeit Parallelen zwischen ihren äußerlich so unterschiedlichen Ansätzen wahrgenommen, so z.B. von Gideon Carmi, einem Mitarbeiter David Bohms, der in den fünfziger Jahren bei Feldenkrais Bewusstheit durch Bewegung lernte und Bohm damals erklärte, "dass er an eine tiefe Beziehung zwischen Physik, menschlichem Bewusstsein und diesen subtilen, minimalen Bewegungen glaubte." (David Peat 1997: 170)

Es liegt nun an uns, dafür zu sorgen, dass das Vermächtnis dieser beiden Pioniere positiv fortwirkt. Vielleicht indem wir gelegentlich einmal versuchen, ihre Ansätze (unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse) im Experiment miteinander zu kombinieren. Das scheint umso interessanter, als diese sich gegenseitig ergänzen und sich gegenseitig vielleicht auch genau an dem Punkt weiterhelfen könnten, an dem jeder an seine jeweiligen Grenzen stößt.

Eine solche Grenze ist bei dem sich auf Denken und verbale Kommunikation konzentrierenden Bohmschen Ansatz durch das Fehlen von Anwendungs- und Überprüfungsmöglichkeiten im praktischen Handeln gegeben. Radikal neues, d.h. vor allem partizipierendes Denken sollte sich systematisch einüben, dabei laufend auf seine konkrete Wirkung überprüfen und, wo nötig, korrigieren lassen können, statt sich nur im relativ geschützten Raum einer Dialog-Gruppe zu entfalten. Bohm-Schüler Anthony Blake versucht das ursprüngliche Dialog-Modell in dieser Richtung weiterzuentwickeln, denn er ist der Meinung, es sei "problematisch, ob sich Dialogfertigkeiten ohne irgendeine Form konkret praktischer Schulung entwickeln und lernen lassen." (Blake 2003 a: 13)

Moshé Feldenkrais wies am Ende seines Lebens selbst auf gewisse Grenzen seiner konsequent handlungs- und bewegungsorientierten Methode hin, indem er bekannte, sein "Versprechen, dass ein veränderter Motorkortex entsprechende Veränderungen auch im Denken, Fühlen und sensorischen Empfinden einer Person nach sich ziehen würde", müsse teilweise revidiert werden. (Russell Delman in Feldenkrais Forum 2002: 11) Mit der hier angesprochenen Problematik sieht sich heute wohl jeder Feldenkrais-Pädagoge konfrontiert - in Ausbildung und Berufspraxis, nicht nur bei Studenten, Schülern und Klienten, sondern auch in sich selbst: Inkohärente, oft zwanghaft destruktive Denkmuster, eingefahrene Meinungen und Vorurteile, automatische emotionale Reaktionen usw. erweisen sich gelegentlich als ausgesprochen hartnäckige Störfaktoren, denen mit den Mitteln der Feldenkrais-Methode nicht unbedingt beizukommen ist.

Ob z.B. 'Suspendieren', wie es im Bohmschen Dialog praktiziert wird, Feldenkrais-Lernenden zu einer realitätsgerechteren Selbstwahrnehmung verhelfen könnte, ist eine Frage, die über den Rahmen dieses Artikels hinausweist. Eine weitere Frage ist: Käme es dabei vielleicht auch zu einem Abbau von Hemmungen in dem alles menschliche Handeln begleitenden unterschwelligen inneren Dialog (zwischen Denken, Fühlen, propriozeptivem und kinästhetischem Empfinden), von dem Bohm gelegentlich sprach?

All das könnte untersucht werden, denn beim konstruktives Denken erforschenden Ansatz David Bohms geht es letztlich um dieselbe intensive und gleichzeitig entspannte Aufmerksamkeit wie bei der auf Optimierung konstruktiven Handelns zielenden Feldenkrais-Methode: Moshé Feldenkrais: "Konzentrieren Sie sich nicht - beachten Sie statt dessen aufmerksam die Gesamtsituation, Ihren Körper und Ihre Umgebung, indem Sie das Ganze angemessen - ohne Anstrengung - beobachten ('scan'), um sich jeder Veränderung, jedes Unterschiedes bewusst zu werden, d.h. sich gerade genug konzentrieren, um das wahrzunehmen." (Learning to Learn: 13) David Bohm: "Es mag eine begrenzte Aufmerksamkeit geben, wie z.B. Konzentration, sowie auch eine unbegrenzte, fundamentale. Durch diese Art Aufmerksamkeit könnten wir mehr und mehr Ebenen der impliziten Ordnung erreichen - die generelleren Ebenen des ganzen Prozesses. Auf diesen allgemeinen Ebenen unterscheidet sich das Bewusstsein in einer Person nur wenig von dem in einer anderen." (Bohm 1996: 93)

Literatur

Blake, Anthony 2003a: Structures of Meaning. Charles Town, W.V

Blake, Anthony 2003b: The Working Group, www.duversity.org

Blake, Anthony 2003c: Trialogue. Charles Town, W.V.

Bohm, David 1980/1995: Wholeness and the Implicate Order. London

Bohm, David 1994: Thought as a System, London.

Bohm, David 1996: On Dialogue, London.

Bohm, David 1998a: Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion, Stuttgart.

Bohm, David 1998b: On Creativity, (Edt.) Lee Nichol, London.

Bohm, David 2003: David Bohm, The Essential Bohm, (Edt.) Lee Nichol, London.

Bohm, David/David Peat 1987/2000: Science, Order, and Creativity, London.

Feldenkrais, Moshé 1980: Learn to Learn, Washington, D.C.

Feldenkrais, Moshé 1949: Body and Mature Behaviour, New York.

Feldenkrais, Moshé 1972: Awareness Through Movement, New York.

Feldenkrais, Moshé 1973: "The Forebrain: Sleep, Consciousness, Awareness & Learning".

Interface Journal, Vol I, No. 3-4.

Feldenkrais, Moshé 1977: The Case of Nora, New York.

Feldenkrais, Moshé 1981: The Elusive Obvious, Cupertino, CA.

Feldenkrais, Moshé 1981: Transcript of The Feldenkrais Professional Training Program.

Amherst, Massachusetts, Week 1&2.

Feldenkrais, Moshé 1985: The Potent Self; A Guide to Spontaneity, New York.

Peat, David F., 1997: Infinite Potential. The Life and Times of David Bohm. Perseus Books.

Addison-Wesley Publishing.

Websites

www.duversity.org (Anthony Blake)

www.fdavidpeat.com (David Bohm)

www.feldenkrais-resources.com (Moshé Feldenkrais)

Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat den Beitrag zunächst auf Englisch geschrieber und dann selbst — einschließlich aller Zitate — übersetzt. Die Literaturhinweise beziehen sich deshalb überwiegend auf englische Ausgaben.

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