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Feldenkraisnow

Feldenkrais und Tanz Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich ganz deutlich, daß ich auf Härte gegen mich selbst programmiert war.

Auszüge aus einem Gespräch mit der amerikanischen Tänzerin Sumati, aufgenommen, transskribiert und hier ins Deutsche übersetzt von Ilana Nevill (1992 im Feldenkrais Journal U.K. No. 4 erschienen)

Zu Beginn ihres Studiums der Entwicklungspsychologie-und-Erziehung wurde Sumatis Körperhaltung mit C bewertet. Das bedeutete “schlecht”. Da die damals achzehnjährige amerikanische Studentin unter chronischen Rückenschmerzen litt, riet man ihr, als Korrektiv Modernen Tanz zu machen. Damit wurden die Weichen für ihr zukünftiges Leben gestellt, denn bei Abschluß ihrer Studien war aus Sumati eine begeisterte Tänzerin geworden. Sie wurde Mitglied einer Truppe, die sich auf hochgradig technische Formen des modernen Tanzes spezialisierte und war sicher, genau das gefunden zu haben, was sie suchte:

“Es ging bei dieser Art von Tanz viel um Fallen und gleich wieder vom Boden Hochschnellen, um Atemtechnik, rasantes Pirouetten-Drehen, alle möglichen Wege, das Gleichgewicht zu verlieren und sofort wiederzufinden. Das waren tolle Spiele mit der Schwerkraft! Mir machte damals nur Spaß was technisch anspruchsvoll war. So etwas wie Improvisation interessierte mich nicht. Ich zog ‘Ernsthafteres’, ‘Sinnvolleres’ vor, worunter ich körperlich-technisch Anstrengendes verstand. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich ganz deutlich, daß ich auf Härte gegen mich selbst programmiert war.

In der ersten Feldenkrais Stunde, die ich eines Tages erlebte, wurden wir aufgefordert, den Atem in verschiedene Körperteile gehen zu lassen und dabei ganz kleine Bewegungen zu machen. Ich fand das sich dabei einstellende Gefühl der Entspannung unangenehm, und die Übung selbst kam mir langweilig und blöd vor.”

Später, als Sumati eine Zeitlang bei dem indischen Guru Rasjneesh (Osho) in die Lehre ging, begann sie dem Leben und sich selbst gegenüber eine andere Einstellung zu entwickeln.

“Das Entscheidende ist Bewußtheit! Konkurrenzstreben spielt dabei keine Rolle; Selbstkasteiung auch nicht. Mit der Zeit wurde der rein technisch orientierte Tanz mir immer fremder, und selbst das Unterrichten fiel mir schwer. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als ich mich während des Unterrichts plötzlich umdrehen und hinter vorgehaltener Hand über das, was ich den Schülern gerade gesagt hatte, lachen mußte: ‘Zieht den Bauch ein!...Tut dies….Tut das!’ Und dann fragte ich mich: ‘Was mache ich hier eigentlich? All diese Leute gucken dauernd in den Spiegel und wollen besser sein als die anderen!’

Das muß so um 1980 gewesen sein, ich glaube im gleichen Jahr, als ich zum ersten Mal Feldenkrais erlebte und mit dem bizarren Gefühl, auf einmal so viel Weite und Entspannung in meinem Körper zu spüren, einfach nicht zurechtkam.”

In den folgenden zehn Jahren gab Sumati den Tanz fast ganz auf. Während dieser Zeit nahm sie an höchstens zwanzig Kursen und Veranstaltungen teil, reiste durch die Welt, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch und landete schließlich in München, wo die Tanzszene sie wieder gefangennahm und sie sich auch zunehmend von der Feldenkrais Welt angezogen fühlte. Anfangs zwischen zwei Gefühlen hin und hergerissen, stellte sie fest, daß sie sich einseits im Feldenkrais Unterricht oft “zu Tode langweilte”, andererseits jedoch immer wieder von der positiven Wirkung fasziniert war, welche die Feldenkrais Stunden auf ihr Selbstgefühl, ihre Körperhaltung, die Qualität ihrer Atmung und Bewegungen ausübten. Schließlich entschied sie sich, bei Mia Segal, der ersten langjährigen Assistentin von Mosche Feldenkrais, die Ausbildung zu machen. Ihre Rückenschmerzen waren zu diesem Zeitpunkt viel besser geworden, und es sollte nicht mehr lange dauern, bis sie ganz der Vergangenheit angehörten.

Im Grunde sind wir von unserer Konditionierung gesteuerte Roboter

“Ich ging also nach Zürich, um die ersten fünf Ausbildungstage bei Mia mitzumachen, und war sofort total hingerissen: ‘Wie kann diese Frau so viel über den menschlichen Körper wissen, und ich habe keinen blassen Schimmer davon, auch wenn ich bisher meinte, bestens darüber Bescheid zu wissen?’ Auf einmal gab es also jemand, der mir Dinge zeigte, von denen ich bisher keine Ahnung gehabt hatte. Deshalb liebte ich diese Frau. Ich fand sie sagenhaft originel. Im Laufe der Jahre ging sie mir gelegentlich auch mal schrecklich auf die Nerven, doch jedesmal, wenn der nächste Kursus anfing, war ich wieder dabei. Erst am Ende des zweiten Ausbildungsjahres freundete ich mich mit dem Gedanken an, selbst einmal Feldenkrais Lehrerin zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt wußte ich immer nur eines: Nächstes Mal komme ich wieder! Egal ob ich gerade in Griechenland oder sonstwo in der Welt war, ich flog nach Zürich. Zum letzten Ausbildungssegment kam ich aus Poona in Indien. Osho war damals gerade aus Amerika ausgewiesen worden, und mir war die Lust am Sannyasin-Sein vergangen. Ich hatte einfach die Nase voll von der ganzen Heiligtuerei und Selbstgefälligkeit, all den Regeln, Vorschriften und Geheimniskrämereien ...

Mit der Zeit konzentrierte mich zunehmend auf Feldenkrais, und jedes Mal, wenn ich einen interessanten Ausspruch von Moshe Feldenkrais las, sagte ich mir: ‘Ja, das sagt Osho auch! Zum Beispiel: Eigenverantwortung übernehmen, intelligent wählen lernen, Bewußtheit entwickeln.’ Dabei bezog sich Osho mehr auf die spirituelle Seite des Lebens, während Moshe das nicht so sehr im Sinne einer meditativen Disziplin verstand. Ihm ging es mehr um die Erkenntnis, daß wir im Grunde von unserer Konditionierung gesteuerte Roberter sind. Seine Arbeit im körperlichen Bereich zielte darauf ab, Möglichkeiten für Bewußtheit und Veränderung zu schaffen. - Eigentlich ging es in Oshos Lehre auch darum.”

Sumati begann Feldenkrais und Tanz zu unterrichten und fand diese Kombination ganz besonders interessant, als sie sich mit einer ihr befreundeten Tänzerin die Leitung fünftägiger Tanzkurse teilte:

“Diese Frau ist in meinen Augen eine der wenigen Tänzerinnen, die wirklich versteht, was es heißt, sich selbst - und anderen - nicht dauernd Höchstleistungen abzuverlangen. Mein Tanz-Background ist technisch; bei ihren Tanz-Erfahrungen dagegen spielten Improvisation und Kontakt eine große Rolle …

Sie sagte z.B. ‘Weißt Du was, Sumati, ich würde heute gerne etwas mit den Schlüsselbeinen machen.’ Wir fingen also mit ein paar Aufwärm-Übungen an, und dann unterrichtete ich eine der bekannten Feldenkrais Lektionen, z.B. Schulterbewegungen, wobei wir die Mitwirkung der Schlüsselbeine untersuchten. Anschließend ließ sie die Leute in Partnerarbeit herausfinden, wie man beim Tanz über die Schlüsselbeine miteinander in Kommunikation bleiben kann. Daraus wurde dann etwas, was mit Fliegen zu tun hatte. Danach kamen wir überein, etwas anzuschließen, was mit Erdung zu tun hatte, irgendeine Feldenkrais-Übung, bei der die Füße oder das Becken die Hauptrolle spielen. Daraus ergab sich dann das Thema für die nächste Tanzsequenz, die schließlich in eine sich organisch aus dem Vorhergehenden ergebende Tanzimprovisation mündete.

Wir gingen bei diesem Vorgehen davon aus, daß Feldenkrais den Schülern zu größerer Sensibilität und Flexibilität verhilft und ihnen darüber hinaus Bewegungsmöglichkeiten eröffnet, von denen sie sich vorher kaum hätten träumen lassen. Wir benutzen viel von dem, was man im Feldenkrais Unterricht machen kann, um das Gespür für die Wirbelsäule zu verbessern; und meine Freundin schlug den Schülern dann z.B. vor, sich - Rücken an Rücken miteinander tanzend - die Wirbelsäule als Girlande von Weihnachtslichtern vorzustellen…”

“Die Auswirkung von Feldenkrais auf meine eigene Tanztätigkeit finde ich irgendwie amüsant: Es gibt gewisse Dinge, die ich wohl niemals wieder machen kann. Und was ich früher mal tun mußte, will ich heute nicht mehr tun – schon gar nicht bloß weil so etwas machbar ist …

Ich muß auch immer wieder über das staunen, was mir ohne jede vorherige Aufwärmung, ohne Vorbereitung, ohne harte Arbeit gelingt – z.B. wo es um die Bewahrung des Gleichgewichts, klare Bewegungslinien, Koordinierung und so etwas geht.

Mit Ausnahme einiger technischer Sachen tanze ich heute fast genauso gut wie zu meiner besten Zeit – jedoch mit viel weniger Anstrengung.

Das Nervensystem besitzt die Intelligenz, eine Lösung, einen neuen Weg zu finden

Letztes Jahr hatten eine Freundin und ich die Idee, zusammen mit vier Musikern eine überwiegend frei improvisierte Tanzvorführung auf die Bühne zu bringen. Die Art wie ich an diesem Abend tanzte hat mich selbst unheimlich überrascht. Mir wurde hinterher auch von anderen versichert, das sei phantastisch gut gewesen. Danach jedoch konnte ich zwei Tage lang kaum laufen, was sich jedoch leicht erklären ließ. Wenn man z.B. ein Jahr lang nicht Fußball spielt und dann an einem Spiel teilnimmt, hat man hinterher bestimmt Schmerzen. Das is ganz ok, denn Muskeln sind nun einmal so. Wenn man sie lange Zeit nicht benutzt und dann plötzlich überfordert, tun sie hinterher weh. Ich hatte nach dieser Vorführung einfach schrecklichen Muskelkater.

Im Jahr zuvor war mir bei einem Tanzstück mit größerer Besetzung aufgefallen, daß sich alle anderen früher oder später irgendwelche Verletzungen zuzogen – nur ich nicht, und ich war als Dreiundvierzigjährige die bei weitem Älteste in dieser Tanztruppe. Jemand holte sich eine Schulterverletzung, jemand anderes verrenkte sich den Nacken, eine dritte Person verdrehte sich das Kniegelenk… Ich war wirklich die einzige unter etwa fünfzehn Tänzern, der kein solches Mißgeschick passierte. Immer wenn ich merkte, daß irgendetwas in meinem Körper nicht mehr so richtig mitmachen wollte, ging ich ein bißchen an die frische Luft und spürte beim Gehen in mich hinein, wie sich dies oder jenes bewegt. Auf diese Weise gelang es mir, all den Verletzungen vorzubeugen, denen Tänzer allzuoft ausgesetzt sind. Weil ich heute genau fühlen kann, was in meinem Körper vorgeht, spüre ich viel schneller und genauer, wann und wo ich besonders aufpassen muß, daß ich mir nicht wehtue. Das Nervensystem hat die Intelligenz, eine Lösung, einen neuen Weg zu finden. Darauf kann ich mich verlassen!

Wilkommen

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