HTMLbanner
 
bottomLogo  

Feldenkraisnow

Lernen lernen - Lernen unterrichten I Fragen über Fragen von Ilana Nevill

Lernen ist das, was wir tun, wenn wir nicht wissen was wir tun sollen. Lernen lernen, dh. die Entfaltung von Lernfähigkeit, bedeutet, daß wir zunehmend angemessener auf Situationen reagieren, in denen wir nicht wissen, was wir wann und wie am besten tun. (Guy Claxton in ‘Die Herausforderung lebenslangen Lernens’)

So bestätigt die derzeit im Zusammenspiel relevanter Forschungszweige entstehende Wissenschaft vom Lernen das Fundament, auf dem Mosche Feldenkrais seine Lernmethode aufbaute. Diese war von ihm bewußt als Gegenmodell zu konventioneller Bildung- und Erziehung konzipiert, der ein solches Verständnis von Lernen fremd ist:

Die meisten Übel, unter denen wir leiden, wurzeln in der fälschlichen Überzeugung, menschliche Erziehung sei Ausbildung eines voll ausgeformten Wesens, dem wir diese oder jene Tätigkeit beibringen müssen, – so wie wenn wir einen Komputer für die Ausführung einer erwünschten Aktivität programmieren. (“On the Primacy of Hearing”, Somatics, Herbst 1976)

In der Auseinandersetzung mit unserem Thema kann ich mir als Feldenkrais Lehrer/in viele Fragen stellen, zum Beispiel:

1) Mit welchem Verständnis von Lernen begegne ich als Unterrichtende/r meinen - überwiegend erwachsenen - Schülern?

2) Wann und wo habe ich schon einmal eine Art von Lernen Lernen erlebt, die Guy Claxtons Definition entspricht?

a) Ganz sicher in früher Kindheit: Kann ich mich an ein besonders beglückendes Lernerlebnis erinnern?

b) Während der Schulzeit? Gab es damals vielleicht einen begnadeten Lehrer, der mir einen Geschmack von/für selbstgesteuertes, nicht auf Erfolg und äußere Anerkennung erpichtes Lernen vermittelte?

c) Und wie war es in meiner Feldenkrais Ausbildung? Habe ich dort gelernt, wie man seine Schüler am effektivsten bei der Entfaltung ihrer Lernfähigkeit unterstützen kann? Wer hat mich wo und wann in dieser Hinsicht als Modell eines vorbildlichen ‘Lehrers’ überzeugt?

Angesichts der Megaprobleme, denen unsere Welt nicht länger mit rein technischen Lösungen begegnen kann, erklärte Feldenkrais: Trotz der scheinbar düsteren Zukunft des Menschen glaube ich, daß wir bisher noch nicht unsere im Homo sapiens angelegten Lernkapazitäten erreicht haben. Es sei daher verfrüht, den Menschen zu verdammen, weil er Bewußtheit bisher fast nur in Reaktion auf Veränderungen seiner äußeren Umstände entwickelt hat. Wir haben unsere naturgegebene Wahlfreiheit [dh.unter alternativen Lösungsmöglichkeiten die vielversprechendste auszuwählen] noch nie richtig genutzt und kaum damit angefangen, Lernen zu lernen. (ON THE PRIMACY OF LEARNING, Somatics, Herbst 1976)

3) Ist das nicht ein ausreichender Grund, uns in Geduld zu üben und - wichtiger noch – uns gegenseitig beim gemeinsamen Lernen zu unterstützen?

Was er mit ‘Lernen lernen’ meinte, hat Feldenkrais immer wieder neu formuliert, z,B. zu Anfang eines öffentliches Workshop in Toronto (1980):

Wir wollen jetzt eine Art von Lernen lernen, die uns helfen kann, uns selbst besser kennenzulernen...herauszufinden, warum wir trotz unserer Intelligenz nichts anderes zur Verbesserung unseres Lebens tun, als zu versuchen, wie jeder andere zu werden. ... Sobald wir die Meinung aufgeben, daß wir für den Rest unseres Lebens nicht anders sein können, als das, was wir sind, werden wir entdecken, daß Lernen möglich ist. ... Viele, die sich mit solchen Gedanken beschäftigen, verstehen Lernen als Veränderung. [Transkription, S.10]

Daß es dabei primär um Änderung des eigenen Selbstbildes geht - und dies letztlich nur dank Neutralisierung von falschem Ergeiz und unnötiger Anstrengung möglich ist - machte Feldenkrais seinen Schülern anhand ganz konkreter Selbsterfahrung klar. Von seinen Nachfolgern erwartete er allerdings auch die ‘denkende’ Auseinandersetzung mit der inneren Logik seiner Methode:

Um die Bedeutung einer weiteren, von mir geschaffenen und benutzen Methode zu begreifen, müssen wir die verschiedenen Formen des Lernens verstehen. (‘Die Entdeckung des Selbstverständlichen’, englische Fassung S.30)

4 Was hat mir in meiner Ausbildung geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und die Entfaltung meines persönlichen Lern- und Entwicklungspotentials in die eigene Hand zu nehmen?

a) Welche konkrete Selbsterfahrung hat mir eine Änderung meines Selbstbildes nahegelegt, oder sogar ermöglicht? Habe ich diesen Prozeß als durchweg positiv erlebt?

b) In welcher Weise hat mir meine Ausbildung Einblick in “verschiedene Formen des Lernens” und damit vielleicht auch in die innere Logik der Methode verschafft?

c) Wie kann ich solche persönlichen Lernergebnisse in gute Unterrichtspraxis umsetzen?

Der englische Erziehungspsychologe Guy Claxton diskutiert in seinem hochinformativen Buch WISE-UP - The Challenge of Lifelong Learning (“Die Herausforderung lebenslangen Lernes”) neueste wissenschaftliche Erkenntnisse welche fast ausschließlich die Solidität des Fundamentes bestätigen, auf dem ‘gute’, dh. ihrem Anspruch entsprechende, Feldenkrais Praxis aufbaut.

Hier ein paar besonders relevante Punkte:

‘Lernen’ nimmt als vielseitig-vielschichtige Tätigkeit immer differenziertere Formen an, die harmonisch aufeinander aufbauen. Mosche Feldenkrais’ organisches oder selbstgesteuertes Lernen heißt bei Claxton Lernen-in-und-durch-Erfahrung und wird als das allererste und lebenslang am meisten benutzte Werkzeug in unserem allmählich kompletter werdenden Werkzeugkasten des Lernens beschrieben. Dies überwiegend unterhalb der Bewußtseinsschwelle stattfindende Lernen ist für die Entfaltung all dessen zuständig, was den Menschen als Intelligenz-begabtes Tier (‘animal man’) auszeichnet. Zur kontinuierlichen Entfaltung unserer Lernkapazität trägt solches Lernen durch spielerisches Herumexperimentieren, aufmerksames Beobachten, Nachahmen, Üben bei. Bei der damit einhergehenden schöpferischen Betätigung (Ausprobieren verschiedenster Verhaltensweisen, Rollen- und Denkmuster; Jonglieren mit allen möglichen sprachlichen, bildlichen, emotionalen, sensorischen und gänzlich abstrakten Vorstellungen) sind wir bereits als Kleinkinder auf dem besten Weg, zu einem lebenslang lern- und verantwortungsfähigen Menschen zu werden. Und damit auch auf dem Weg zum “wahrhaft ganzen Menschen - humanus humanum”, von dem Feldenkrais in seinem Buch BEWUSSHEIT DURCH BEWEGUNG spricht (S.76).

Lernen ist erlernbar. Unter günstigen Umständen kommt es im unbefangen neugierigen Umgang mit Selbst und Welt zu einer kontinuierlichen Zunahme an Standfestigkeit, Findigkeit und Nachdenklichkeit (‘resilience’, ‘resourcefulness’, ‘reflectiveness’). Wie weit dieser Prozeß der allmählichen Erweiterung und Verfeinerung unserer Lernkapazität im Bereich institutionalisierter Bildung und Erziehung gefördert oder unterminiert wird, hängt von den dort herrschenden Vorstellungen von ‘Lernen’ und ‘Lehren’ und den damit zusammenhängenden Rollenmustern von ‘Schüler’ und ‘Lehrer’ ab.

Da im herkömmlichen Unterricht Wissensvermittlung und Einübung relevanter praktischer Kompetenzen selten Hand in Hand gehen und kaum Zeit zum spielerischen Üben bleibt, leiden die Lernenden oft an Unsicherheit im praktischen Tun. Diese kann sich dann zu einem ernsthaften Lernhindernis auswachsen. So kommt es, daß viele Lehrende trotz bester Vorsätze in ihren Schülern nicht Interesse an der Sache, geistige Offenheit und Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit fördern, sondern genau das Gegenteil: infantile Abhängigkeit von der Anerkennung äußerer Autoritäten, ängstlich-verkrampftes Leistungsstreben und “Richtig-machen-wollen” etc. Oder es kommt dabei umgekehrt Desinteresse heraus - als Schutzmechanismus gegen das Gefühl von Unzulänglichkeit.

Am allerwichtigsten ist wohl die kategorische Feststellung:

Bei einem Unterricht, dem es um Lernen und Kultivierung von Lernfähigkeit geht, ist die Entwicklung der Lernkultur wichtiger als die Planung von Ausbildungs-programmen.

5) Worum geht es einer Lernkultur, in der Curriculum-Planung und Festlegung bestimmter Lernziele – in Form evaluierbarer Kompetenzen und abfragbaren Wissens – von sekundärer

Erziehung entdeckt wachsenden Reichtum in der Vergangenheit, denn sie sieht, was dort unvollendet blieb. Ausbildung sieht die Vergangegheit als abgeschlossen und die Zukunft als abzuschließen an.

Erziehung führt zu kontinuierlicher Selbstentdeckung, Ausbildung zu ein-für-allemal gültiger Selbstdefinition.

Ausbildung wiederholt eine vollendete Vergangenheit in der Zukunft. Erziehung verlängert eine nicht vollendete Vergangenheit in die Zukunft.

(James P. Carse, FINITE AND INFINITE GAMES: A Vision of Life as Play and Possibility, 1986)

Bedeutung sind?

Daß die Formulierung klar umrissener Lernziele in keiner Weise der inneren Logik seiner Methode entspricht, betonte Moshe Feldenkrais immer wieder, z.B.: Wenn wir das Lernziel schon kennen, bevor wir Lernen gelernt haben, werden wir immer nur an die Grenze unser eigenen Unwissenheit stoßen. [‘LEARN TO LEARN,1975/1980, S.8)

Allein ein Ziel ließ Feldenkrais gelten: Oft lebenslang auf Leistung und spezifische Lernerfolge getrimmten Menschen einen neuen und nunmehr reiferen Zugang zu einer Art von Lernen zu eröffnen, die ihnen in früher Kindheit ganz selbstverständlich war, ihnen jedoch durch Konditionierung in Familie und staatlichen Bildungsanstalten später abhanden kam. Daher konzentrierte er sich in seinem Unterricht ausdrücklich auf Mittel und Wege, um seinen Schülern erneutes Wachsen zu ermöglichen, worunter er sehr viel mehr verstand als die bloße Fortsetzung einst unterbrochener neurologischer Differenzierungs- und Integrationsprozesse. Der entscheidende Unterschied zum frühen Lernen und Wachsen besteht darin, daß es beim Feldenkrais Unterricht um bewußt erlebtes Lernen des Lernens geht. Und dabei, so Feldenkrais, zählt nur eins: die urteilsfreie Selbstbeobachtung beim selbstgesteuerten Tun, in dem jede einzelne Bewegung nur soweit von Bedeutung ist, als sie diesen Prozeß erhellt. [Die Entdeckung des Selbstverständlichen, Original, S.90]

Im Zusammenhang mit der ebenso notwendigen wie jedem Einzelnen möglichen Anpassung seines Selbstbildes an das ihm von Natur mitgegebene Potential betonte Feldenkrais in Amherst immer wieder: Wachsen ist schmerzhaft. Leistung ist leichter als Wachsen. Wachsen tut weh. [Sommer 1981].

Als verlässlichen Maßstab für Wachsen nannte Feldenkrais den intelligent-wählerischen Umgang mit der äußeren Welt in uns selbst, dh. mit dem, was wir gelernt haben. (24.6.1981). Diese ‘Welt in uns’ war für ihn nichts anderes als der Müll -so Feldenkrais 1980 in Toronto - der sich in unserem Kopf und Herzen und sonstwo angesammelt hat, und den wir wegwerfen müssen, um aus uns das herausholen zu können, was wir sein könnten, wenn unser Leben, unsere Gesellschaft, und all das, was wir von unseren Vorfahren geerbt haben, ideal wäre.

Weil solches ‘ausmistendes’ Wachsen weh tut, muß Lernen leicht sein; wir haben schon genug zu schaffen, auch ohne daß wir beim Lernen zusätzliche Hürden errichten. [1.7.1981, S.24]

Das beste Lernen geschieht dort, wo die Leute herumspielen und miteinander Spaß haben... Ihr könnt nur dann lernen, wenn Ihr guter Laune seid, denn Ihr werdet am Ende nur die Dinge benutzen, die Euch Spaß machen. [1.7.1981, S.35]

6) Welche Lernumgebung und Lernbedingungen müßten wir als Unterrichtende schaffen, um unseren Schülern solch spielerisch-leichtes Lernen zu ermöglichen?

7) Wie könnten wir verhindern, daß Spuren früherer Konditionierung in unserem eigenen – vielleicht nicht ausreichend bewußt ‘hinterfragten’ - Selbstbild das Lernen unserer Schüler unbeabsichtigt beeinträchtigen oder sogar verhindern?

8) Wie könnten wir im Unterricht Modellfunktion übernehmen, dh. in uns selbst die Motivation zu lebenslangem Lernen verkörpern? Präziser: was müßten wir in unserem Verhalten und Sprachgebrauch vielleicht ändern?

9) Wie können wir lernen, uns selbst und unsere Schüler zu Anfang des Unterrichts ganz unbefangen mit Myriam Pfeffer zu fragen:Wer lernt hier mehr? Schüler oder Lehrer/in?

(Interview in THE FELDENKRAIS JOURNAL U.K. Herbst 1993)

 

Erziehung und Ausbildung/Training

Unsere Aufgabe ist also eine Art Quadratur des Kreises: In unseren Ausbildungen wie in jeder Unterrichtsstunde müssen wir sicherstellen, daß es letztlich um Erziehung geht, wie sie im folgenden Zitat definiert wird:

Ausbildung bedeutet gegen Überraschungen gefeit sein, Erziehung heißt auf Überraschungen vorbereitet sein. Erziehung entdeckt wachsenden Reichtum in der Vergangenheit, denn sie sieht, was dort unvollendet blieb. Ausbildung sieht die Vergangegheit als abgeschlossen und die Zukunft als abzuschließen an. Erziehung führt zu kontinuierlicher Selbstentdeckung, Ausbildung zu ein-für-allemal gültiger Selbstdefinition.

Ausbildung wiederholt eine vollendete Vergangenheit in der Zukunft. Erziehung verlängert eine nicht vollendete Vergangenheit in die Zukunft.

(James P. Carse, FINITE AND INFINITE GAMES: A Vision of Life as Play and Possibility, 1986)



1 -Für WISE-UP gibt es meines Wissens keine knapp-prägnante deutsche Formel.Zu Parallelen zwischen Feldenkrais und der von Guy Claxton vorgestellten Lernwissenschaft siehe den Artikel “An Emergent Science of Learning” www.feldenkraisnow.org

Wilkommen

item8a