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Intelligent body Flexible mind Appropriate action

10 rue du Rocher, 15000 Aurillac France

Feldenkraisnow

Ende April 1992 fuhr Ruthy zur Veröffentlichung der italienischen Übersetzung ihres Buches « Mindful Spontaneity » (sinngemäss ‘verdeutscht’: «vollbewusste Spontaneität»‘’) nach Rom. Vor ihrer Abreise aus England nahm sie sich netterweise die Zeit, über ihre Erfahrungen als Feldenkrais Lehrerin zu sprechen,

Unsere erste Frage war :

Was hat Sie zu Moshe Feldenkrais geführt ?

Oh, das war ein phantastischer Glücksfall ! Ich frage mich oft : Was hat mir das Gefühl gegeben, dass diese Arbeit so wertvoll ist, dass ich ihr mein Leben gewidmet habe. Ich war nicht wegen irgendwelcher Probleme zur Feldenkrais Methode gekommen. Mir machte es einfach Freude, mich zu bewegen. Ich unterrichtete damals Kinder einer Grundschule in einem sehr kultivierten Kibbutz, wo man alles mögliche studieren konnte. Dort habe ich z.B. Noah Eshkol Bewegungen praktiziert, die mich sehr inspirierten. Warum sie mir so grossen Spass machten, wusste ich nicht genau, doch jedesmal wenn ich an einem Kurs teilnahm, fühlte ich, das sich etwas neues in mir entwickelte. Dort hörte ich auch zum erstenmal Moshe Feldenkrais’ Namen, und sobald ich nach Tel Aviv zurückkam, bin ich in seinen Unterricht gegangen.

Während der ersten Jahre habe ich nie mit ihm gesprochen; das taten nur sehr wenige. Die Gruppe war gross und alle folgten der von Moshe auf Band gesprochenen Lektion. Er war selbst anwesend, und ich fand das einfach wunderbar...Ich konnte niemand erklären, was ich da machte, was ich daran so besonders fand, und warum ich jede Woche die lange Busreise auf mich nahm, um an dem Kursus teilzunehmen. Doch wenn ich anschliessend nach Hause kam, fiel mir auf, dass ich viel mehr Geduld mit meinen Mitmenschen hatte. Ich muss irgendwie gefühlt haben, dass diese Bewegungsarbeit etwas mit Meditation zu tun hat.

Damals machte Moshe alles auf sehr symm etrische Weise...linke Seite, rechte Seite ...und mit der Zeit entwickelte ich eine meditative Art der Erforschung einer Seite, sodass ich total in der Bewegung aufging. Wenn wir dann mit der anderen Seite arbeiteten, versuchte ich hellwach zu bleiben, damit ich mich an das, was wir gemacht hatten, zuhause erinnern und Notizen machen konnte. Aber selbst dann hatte ich nicht die geringste Ahnung, dass diese Arbeit ein Beruf für mich werden könnte. Ich machte das einfach nur für mich.

Moshe hat mich oft ermuntert. Manchmal schaltete er sein Tonbandgerät ab und demonstrierte das, worum es ihm ging, an irgend jemand. Man konnte nie wissen, ob er gerade diese Person auswählte, weil sie total verwirrt war und die Bewegung nicht verstand, oder weil sie die Bewegung wirklich beherrschte...Gelegentlich kam es vor, dass er mich bat, die Bewegung zu machen, und dann kam meist eine positive Bemerkung, wie z.B. “Ruthy hat das absolute Gehör in ihren Beinen !” oder etwas ähnliches…

Ich wollte einfach nur meine Begeisterung teilen

Schliesslich haben mich ein paar Nachbarn gebeten, das ,was ich gelernt hatte, mit ihnen zu teilen. Ich schlug ihnen vor, zu Feldenkrais selbst zu gehen, doch sie wollten ihre Zeit nicht in die lange Reise investieren. So kam es, dass wir die Möbel zur Seite räumten, und sie sich auf den Boden legten, und ich auf diese Weise zu unterrichten begann, ohne wirklich zu wissen, was ich da machte. Ich tat nichts, weiter, als einfach die Prozesse zu kopieren, die ich in Moshes Kursus erforscht hatte. Dabei hatte ich keinen Schimmer, warum dies nach jenem kommt, und was am Ende zu dem gewünschten Resultat führt… Ich wollte einfach nur meine Begeisterung teilen. Bevor ich eine Stunde gab, legte ich mich immer selbst auf den Boden, und fand dabei gewöhnlich heraus, wie die Bewegung etwas angenehmer, harmonischer, und koordinierter werden kann, und damit weniger Anstrengung erfordert, und das war eine sehr gute Zeit der Entdeckungen.

Eines Tages kam ich nach Hause und las dort in einem Artikel, dass die Universität von Tel Aviv ein gross angelegtes Sportprojekt mit einem breiten Angebot verschiedener Aktivitäten plane, Das gab mir die Idee, dort zu unterrichten. Ich schrieb ihnen einen Brief, wurde zu einem Interview eingeladen, und bekam den Job...Aber dann musste ich zu Moshe gehen und ihn fragen, ob das für ihn o.k. sei… Und das war das allerschwerste !

Er war in Israel sehr bekannt, weil er Ben Gurions Privatlehrer war. Ich dagegen hatte kein Zeugnis, Diplom oder sonst irgendwelche Papiere vorzuweisen.

Ich ging also zu ihm, um mit ihm darüber zu sprechen. Ich war wirklich sehr aufgeregt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon sehr lange mit ihm gearbeitet. Ja, acht Jahre kontinuierlicher, ohne jedes Erfolgsstreben geprägter Entwicklung lagen bereits hinter mir - mit viel Zeit zur Reflexion, und mein Körper hatte das Gelernte absorbieren können... Und während all dieser Jahre, hatte ich nie daran gedacht, dass sich daraus vielleicht etwas mehr für mich entwickeln könnte...Ich liebte es einfach zu beobachten, wie gut das meinen Schülern tat. Meine Familie dagegen sagte mir oft: “Du hast einen so guten Beruf, warum musst du unbedingt an diesem Hobby festhalten?”

Er sagte nur “Ha!”, und ich wusste nicht, ob dass gut oder schlecht sei

Eines Abends suchte ich Moshe auf. Die letzte Unterrichtstunde war gerade zuende gegangen, jede dauerte 45 Minuten, und er unterrichtete dreimal pro Woche drei Gruppen pro Tag. Es war also gegen 8 Uhr abends, die Halle war bereits leer, ausser Moshe war niemand mehr da, und ich hatte ihn noch nie zuvor in meinem Leben allein gesehen. Er war dabei, sein Tonbandgerät zur Tür zu schleppen, als ich eintrat. Wir trafen uns in der Mitte des Raums. Er setzte seine Last ab, und ich musste allen Mut der Welt aufbringen, um herauszustottern zu können: “Moshe, ich habe die Gelegenheit, Ihre Methode in der Sportabteilung der Universität von Tel Aviv zu unterrrichten…” Er sagte nur “Ha!”, und ich wusste nicht, ob das gut oder schlecht sei; er fügte jedoch sofort hinzu “Mia hat mich sitzen lassen…” [Mia Segal war viele Jahre lang Moshe Feldenkrais’ erste Assistentin.] Die Tatsache, dass Mia mit ihrem Mann nach Japan gegangen war, hatte ihn damals etwas aus der Fassung gebracht. Er sagte also: “Mia hat mich sitzen lassen, und ich habe jetzt vor, eine Gruppe zu eröffnen, in der ich meine Einzelarbeit unterrichten werde. Ich denke mir, das wäre etwas für Sie.” Ich fuhr nach Hause, und auf einmal stand der weitere Verlauf meines Lebens fest.

So kam es, dass ich meine Ausbildung bei Moshe begann. Wir waren dreizehn Studenten. Einige hatte ich bereits im wöchentlichen Unterricht getroffen, andere hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Die Zahl der Teilnehmer wurde durch die Anzahl der Schemel bestimmt, die sich um Moshes Arbeitstisch plazieren liessen. Mehr Leute hätten gerne mitgemacht, doch Moshe sagte ihnen, dass es keinen Platz mehr gäbe.

Als erstes sagte Moshe zu uns: “Es fällt mir nicht leicht, euch alle meine Geheimnisse zu übergeben...Ihr werdet diese Arbeit erlernen und dann in die Welt hinausgehen und viel Geld verdienen...Ihr werdet mich verlassen, und ich werde alt und krank sein.” Das hat er uns gesagt. In gewisser Weise ist das tatsächlich geschehen. Als er beerdigt wurde, waren alle irgendwo anders in der Welt, nur Bruria und ich wohnten seiner Beerdigung bei.

Er war lange Zeit krank – ungefähr zwei Jahre. Meiner Ansicht war Sterben für ihn ein Prozess, auf den er sich bewusst einliess. Er hing nicht am Leben, das war keineswegs der Fall. Der Tod als Phänomen erweckte seine Neugier. Ich glaube, er verstand es, auf den Tod zuzugehen und sich dann wieder zurückzuziehen, mit ihm zu spielen. Sein Sterben erinnerte mich an eine Kampfkunst Übung, bei der du dir vorstellst, dass ein Vogel auf deiner Hand sitzt. Jedesmal wenn der Vogel bereit ist wegzufliegen, und sich der Druck seiner Füsse auf deiner Hand verstärkt, lässt du die Hand ein bisschen sinken, sodass er nicht losfliegen kann. Mir war es, als ob er das mit dem Leben machte. Er ging immer wieder ein klein wenig vorwärts und wieder.zurück

Ich war schokiert, denn ich hatte keine Ahnung, dass er die Leute mit den Händen berühren würde

Kurz gesagt, das erste, was wir von ihm hörten, war eine Prophezeiung, und dann...redete er über Geld. Was er sagte, war interessant, denn die Ausbildung war sehr, sehr teuer: “Wenn die Leute sich nicht mit dem versorgen können, was sie in ihrem Leben brauchen,.. und dann komm ich und soll ihnen helfen…” Ich erinnere mich noch genau an seine Aufrichtigkeit... Anschliessend begann er mit einer Person zu arbeiten, um uns seine individuelle Arbeit zu zeigen. Zuerst war ich schokiert, denn ich hatte keine Ahnung, dass er die Leute mit den Händen berühren würde. Viele Jahre lang hatte ich ihn nur sprechen hören, und immer gedacht: “Das ist sehr elegant...Hier gibt’s kein Imitieren; der Anstoss kommt wirklich allein aus dem Gedanklich-Geistigen, aus dem Bereich der Bewusstheit…” Und hier sass er da und fasste jemand an ! Ich war schokiert und zutiefst bestürzt.

Das erste was er uns zeigte, war, wie man am Kopf “zieht”. Stell dir das vor ! … Für ihn war das ein Klacks ! Damals war ihm noch nicht bewusst, dass andere sehr lange brauchen würden, um eine ausreichend gute Koordination dafür zu entwickeln. Irgendwann in jeder Einzelstunde integrierte Moshe den Kopf und brachte alles über das Skelett zu einem einheitlichen Ganzen zusammen – manchmal durch Druck und manchmal durch Ziehen. Er beherrschte allemöglichen wunderschönen Traktionstechniken, mit der Person in Bauch-, Rücken- oder Seitenlage.

Am nächsten Morgen fragte er mich: “Was hast du gestern geschrieben?”, denn was ich am ersten Tag erlebte, hatte mich so schokiert, dass ich sofort mein Notizheft nahm und aufschrieb, was er uns sagte. Ich begann das blasse Echo seiner Worte zu rekonstruieren, und er unterbrach mich: “Mitschreiben ist nutzlos !”

Zu meinem Bedauern habe ich nicht auf seinen Rat gehört und weiterhin Notizen gemacht. Ich glaube, dass ich damit meine Entwicklung gehemmt habe.

Heute ist es wunderbar, meine Notizen zu haben, sie sind wirklich goldwert ! Doch damals hat das Mitschreiben meine Angst verstärkt, ich könnte nicht mitbekommen, worum es ihm ging… Er sagte jedenfalls gleich darauf: “Jetzt zeig mir mal, wie du an einem Kopf ziehst.” Ich sass ganz verkrampft da und versuchte, das mit Gewalt zu schaffen.

Wir haben drei Jahre lang jeden Tag eine Stunde studiert – sechs Tage pro Woche – zehn Monate pro Jahr. Eine seiner Unterrichtsstunden mit uns entsprach zwei Privatstunden, die er in seinem Notizbuch streichen musste. Als wir ihn einmal fragten: “Könnten wir das Lernen vielleicht konzentrieren, das heisst auf drei Tage verteilen, sodass wir nicht sechsmal in der Woche hierher fahren müssen?” wurde er sehr wütend und donnerte uns an:”Das hier ist keine Universität, ihr lernt hier nicht, um Examen zu bestehen. Ihr müsst in der Lage sein, euch das, was ihr hier lernt, zu eigen zu machen.” … Nun ja, bei der nächsten von ihm geleiteten Ausbildung in San Francisco – das war 1975 - haben sie zehn Wochen hintereinander, fünf Stunden proTag studiert !…

“Ein phantastischer Glücksfall!” Interview mit Ruthy Alon Transkription für Feldenkrais Journal U.K. Nummer 4 (Herbst 1992) und deutsche Übersetzung : Ilana Nevill

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Für ihn blieb alles offen, er war unaufhörlich dabei, irgendetwas zu untersuchen

Wir studierten also bei ihm, und ich glaube, zu Anfang ging vieles über mein Fassungsvermögen. Doch ich wusste, es war das Allerinteressanteste auf der Welt, es gab für mich nichts Lohnenswerteres. Es war eine solche Inspiration ! ...und überhaupt nicht intellektuel. Die Humanität all dessen, was er sagte, hat mich wirklich berührt… Dann hat mein Privatleben mich aus Israel entfernt, und ich konnte im zweiten Jahr nicht dabeisein. Moshe meinte zu mir: “Oh, ich werde jedes Jahr eine neue Gruppe anfangen”. Als ich dann hörte, dass er das doch nicht machen würde, habe ich ihn sofort angerufen und gefragt:” Würden sie mich wieder aufnehmen, wenn ich zurückkäme?” Seine Antwort war: “Komm, wir finden schon eine Lösung.” So kam es,

dass ich mit meinen Kindern zurück nach Israel reiste und bei ihm weiterstudierte.Zu dieser Zeit begann ich, viele verschiedene Gruppen zu unterrichten – Polizisten, Senioren, Hausfrauen… Damit meine Tochter etwas macht, habe ich die Lektionen auch für Kinder bearbeitet. Nach einem Prozessbenutzte ich manchmal Musik, und das hatten alle gerne. Moshe hatte nichts dagegen. Er war sehr tolerant; er war Philosoph; anderen feste Vorschriften zu machen, war ihm fremd. Er pflegte zu sagen: “Ich schreibe niemand vor, was er machen soll. Mich interessiert, was meine Methode bei verschiedenen Menschen bewirken kann.” Er hat uns nie gesagt, wann und wann nicht wir mit der eigenen Arbeit anfangen könnten und was wir machen sollten. Das gab’s für ihn nicht. Ihm ging es um echte Forschung, für ihn blieb alles offen. Er war unaufhörlich dabei, irgendetwas zu untersuchen, und gab allen die Chance, zu erkunden, was sich hier und da [in ihnen] tut, und dann etwas sie persönlich Befriedigendes zu finden.

Manchmal präsentiere ich die Feldenkrais Arbeit als Aspekt der Yin-Revolution, Bewusstheit versus Aggression, Hege und Pflege versus Politik. Ich weiss allerdings nicht, ob es Moshe gefallen hätte, seine Arbeit so dargestellt zu sehen. Er freute sich immer, wenn Männer seine Arbeit schätzten und war sehr, sehr stolz auf die vielen jungen Männer in den Ausbildungen. Tatsächlich gab es auch in seinen öffentlichen Kursen immer viele Männer. Ihm lag sehr daran, dass seine Methode nicht als passiv, simpel, der Entspannung dienend verstanden wird. Er wollte sie vielmehr als Erforschung der wahren Entfaltungsmöglichkeiten des Menschen und dem, was beim Lernen in unserem Gehirn vor sich geht, präsentiert sehen.

Es ist für mich eine ziemliche Herausforderung, eine Gruppe von Menschen dazu zu bewegen, ihren [Lern-]Stil zu verfeinern und eigeneEntdeckungen zu machen, sodass sie mit dem nötigen ‘Werkzeug’ nach Hause gehen und die Lektionen dort wiederholen können. Als ich noch eine Praxis hatte – dazu reise ich jetzt zu viel herum, obwohl immer noch Leute bei mir anklopfen, wenn ich daheim bin - musste jeder, der zu FIs kam, auch am Gruppenunterricht teilnehmen. Ich wollte nicht, dass sie abhängig von mir werden. Gewöhnlich kamen sie zuerst zu Einzelstunden, und wenn sie die sensorische Sprache des Lernens zu verstehen begannen, nahmen sie auch am Gruppenunterricht teil und stellten dabei fest, dass man dort ebenfalls individuel arbeitet.

In Israel haben die Gruppen in der Regel ein ganzes Jahr lang den gleichen Lehrer – ein- bis zweimal pro Woche ausser in den Ferien. Das ist eine sehr gesunde Sache; so lernt man z.B. im Kunstunterricht. Die Gewissheit, dass der Lehrer selbst dann da ist, wenn du nicht hingehst, kommt dem Lernen zugute.

In Amerika macht man Wochenendkurse, jedesmal ein anderes Workshop. Ich weiss nicht, was dabei entstehen kann, und frage mich manchmal, ob ich die gleiche Hingabe entwickelt hätte, wenn ich Feldenkrais hier und da in Workshops studiert hätte…

Ich liebe die Tiefgründigkeit der Methode. Es geht ihr um menschliches Lernen, um organisches Lernen. Darin besteht der grundlegende Unterschied zum Korrigierenwollen oder der Verfolgung eines vorbestimmten Ziels. Im Wesentlichen handelt es sich um einen Prozess, der die Fähigkeit unseres Nervensystems erweckt, sich auf ungewohnte Situationen einzustellen und neue Ideen zu entwickeln. Mir ist klar, dass manche Teilnehmer/Innen meiner Kurse dafür zunächst kein Interesse haben. Sie interessiert die Instantsetzung ihrer immer ramponierteren Körper. Und zu Anfang möchte ich sie dort abholen, wo sie sich befinden, und ihnen das geben, was sie gerade brauchen. Ich kenne viele kleine, höchst wirksame Prozesse, die ich ihnen sofort anbieten kann. Danach fangen sie irgendwann von sich aus an zu experimentieren und interessieren sich dann auch mehr für die Frage, wie die Methode ‘funktioniert’.

Mindful Spontaneity («vollbewusste Spontaneität») : eine Art Paradox

Die Motivation, mein Buch zu schreiben, war der Wunsch, mit anderen ein paar einfache Prozesse zu teilen, die unsere Schüler/Innen auf den Weg organischen Lernens bringen, und ihnen sofort ein Gefühl dafür geben, dass sie sich auch anders bewegen können. Mir liegt daran, dass sie spüren, dass es bei dieser Arbeit um sie selbst geht, um die Qualität ihres eigenen Lebens. Deshalb verwende ich viele Prozesse, die sehr praktisch und äusserst wirksam sind.

Ein Beispiel ist die ‘Wunderrolle’ (« Magic Roller »), die ganz einfach ist…Bei genauerer Betrachtung merkt man jedoch, dass sie in Wirklichkeit vieles betrifft: z.B. unsere Reaktion auf die Schwerkraft, welche ein ganz elementares Thema für unser Nervensystem ist, und rhythmische Wellenbewegungen, dh. die Urform der Fortbewegung, noch bevor es Arme und Beine gab.

Wenn wir unser Gewicht der Schwerkraft überlassen, verändert sich nicht nur die Organisation unseres Körpers sondern unsere gesamte Geisteshaltung. Unsere Aufnahmefähigkeit nimmt zu - und wir finden es leichter, uns voll aufzurichten. Das ist sehr beeindruckend und doch sehr leicht zu machen.

Die rhythmische Wellenbewegung integriert den ganzen Körper. Alles, von den Zehen bis zum Scheitel bewegt sich auf dieselbe organische Weise. Die Lernenden werden dabei in ein früheres Entwicklungsstadium versetzt, in primitivere Seinszustände, die immer auch eine Quelle von Wohlbefinden sind und ihnen Zugang zu ganzheitlicher Wahrnehmung verschaffen. Gleichzeitig macht man sie mit einer neuen Art des Lernens bekannt...wie die Natur sie uns

lehrt, wie kleine Kinder beim Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten lernen - ganz ohne Worte. Das ist Feldenkrais’ Genie !

Der Originaltitel meines Buches « Grammar of Spontaneity » (Grammatik der Spontaneität), den der Verleger nicht akzeptiert hat, sollte darauf hinweisen, dass es um einen äusserst kalkulierten, durchstrukturierten Prozess geht. Doch intelligent benutzt, ermöglicht er dir eine Art Lernen, die du als Baby beherrschtest, und damit die Erfindung einer Fülle spontaner Bewegungen. Du interessierst dich für die Grammatik und bekommst Spontaneität… Das ist eine Art Paradox ! Da dem Verleger ‘Grammatik’ nicht passte, habe ich mich für « Mindful Spontaneity » entschieden. (Für die zweite Auflage hat der Verleger «Free your Back » - (‘Leben ohne Rückenschmerzen’) vorgeschlagen, weil schon der Originaltitel vielen Buchhändlern und potentiellen Käufern Angst gemacht hat.)

Uns ist die wechselseitige Beziehung des Rücken zu allem anderen natürlich vertraut. In meinen Kursen zeige ich den Teilnehmer/Innen z.B. was in ihrem Rücken passiert, wenn sie beim Stehen ihre Knie durchdrücken. Ich lasse sie die Hände auf den Rücken legen und das wirklich spüren. Ich lasse sie erleben, dass sie die Knie nicht beugen können, wenn ihre Fussgelenke steif bleiben, und ihr unterer Rücken in seiner Unbeweglichkeit blockiert bleibt. Das müssen die Menschen heutzutage begreifen.

Zu der Zeit, als ich bei Moshe studierte, hatte ich selbst eine Rückenverletzung. Ich war sehr gelenkig und hatte mir diese bei einem Sprung ins Schwimmbecken zugezogen, weil ich dabei meinen Rücken zu sehr durchgedrückte. Ich bewegte mich viel zu viel da, wo ich flexibel war. Dank des Feldenkraischen Denkens wurde mir klar, dass es bei dieser Arbeit nicht um Gelenkigkeit an sich geht, sondern um deren einheitlich gleichmässige Verteilung. Wenn es dir nicht gelingt, auch in deinem Brustkorb Bewegung und Mobilität zuzulassen, wirst du dort immer beweglicher, wo du flexibel bist, und immer steifer, wo du steif bist. Das ist eins der Hauptprobleme unserer Zeitgenossen/Innen.

Ich habe viele Prozesse gesammelt und manche dazuerfunden, bei denen es um die Frage geht, wie Bewegung sich dort, wo sie fehlt, ermöglichen und auf harmonische Weise mit dem Ganzen integrieren lässt. Meine Prozesse zollen Moshe Feldenkrais Tribut, denn er hat mich denken gelehrt. Solange diese Bewegungsprozesse verschiedene Wahlmöglichkeiten enthalten und den ganzen Körper einbeziehen, handelt es sich um Erziehung und nicht um Korrektur. Dann habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit mit Feldenkrais’ Denken übereinstimmt.

Das Ergebnis kommt von Innen

In meinem Unterricht kümmere ich mich nicht direkt um Emotionen, vielmehr bediene ich mich ihrer, um den Schülern/innen zu helfen, ihre

Selbstorganisation besser wahrzunehmen. Wenn die Leute nach einem Prozess aufstehen, finde ich es manchmal ausgesprochen hilfreich, sie zu bitten, ihrer Einstellung zu verschiedenen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, sodass sie erkennen, dass in ihnen eine Veränderung stattgefunden hat, und sie die Person, die sie in diesem Augenblick sind, in ihr Repertoir aufnehmen. Das Schöne an der Feldenkrais Methode ist, dass das Ergebnis von Innen kommt. Das ist immer eine Überraschung ! Du kannst es weder im vorhinein bestimmen, noch berechnen oder manipulieren. Die Entscheidung hat dein Nervensystem, dein Unterbewusstsein, und das Ergebnis ist so eindeutig, dass wir es als Kriterium oder Meilenstein benutzen können.

Ich lasse die Leute herumgehen und sage z.B.: « Jetzt stellt euch vor, dass eine Person in eurem Leben neben euch geht. Was passiert in eurem Gang? » In diesem Moment können sie spüren, ob sie ein bisschen kleiner werden, den Atem anhalten, oder sonst etwas tun… Dann bitte ich sie, sich eine andere Person vorzustellen und zu spüren, wie sich deren ‘Gegenwart’ auf ihren Gang auswirkt. Auf diese Weise können sie beobachten, wie sie auf verschiedene Menschen reagieren. Und dann sage ich vielleicht : «Und nun denkt an jemand, der euch eurer Meinung eine echte Stütze ist, euch wirklich erlaubt, in diesem Augenblick ganz ihr selbst zu sein.»

Es ist sehr aufschlussreich, solche Variationen zu verfeinern, dh. Emotionen durch Beobachtung der Art und Weise, wie man sich bewegt, zu erforschen, und das in einer Situation, die jedem/er ermöglicht, Klarheit zu gewinnen, ohne sich dabei blossgestellt oder verletzbar zu fühlen…Nach der Stunde können die Leute von dieser idealeren, inneren Warte aus erkennen, welche Möglichkeiten sie haben, in ihrem Leben zurechtzukommen. Ich sage ihnen z.B. « Stellt euch vor, ihr geratet mit der Körpersprache, über die ihr jetzt verfügt, in eine Situation, die von euch die Lösung eines schwierigen Problems verlangt: « … Was wird da gespielt, ...was passiert ? » Manchmal, wenn sie dazu bereit sind, kommt es zum Austausch erstaunlicher Dinge.

Feldenkrais bereitet dich auf deine persönliche Suche vor

Es ist interessant, dass sich Spiritualität ausschliesslich individuel verwirklichen lässt - ganz im Unterschied zur Religion oder irgendeiner etablierten Lehre, die du dir bei jemand ‘kaufst’ ? Zur Spiritualität findest du nur durch eigene Entscheidung, auf dem Weg persönlicher Suche und Nachforschung. Und die Feldenkrais Methode bereitet dich wirklich darauf vor, weil sie deine Individualität kultiviert. Wenn du dich auf einen Prozess einlässt, wird dein eigenes Urteilsvermögen angesprochen. Es ist nicht der manipulierbare Intellekt, sondern dein authentisches Unterbewusstsein, welches entscheidet, wie du deine Bewegungen auf ganz neue Weise koordinieren kannst.

In diesem Prozess gewinnst du wirklich Unabhängigkeit !

Ich bin davon überzeugt, dass wir alle eine recht gute Chance haben, zur Spiritualität zu finden, denn wir lernen, im Inneren auf unser wahres Selbst zu hören, indem wir unseren Organismus zu Wort kommen lassen und damit direkten Kontakt mit der Absicht der Schöpfung aufnehmen.

Es ist an der Zeit, unser Haus in Ordnung zu bringen

Ruthys abschliessende Reflexionen beziehen sich auf die Frage, wie sich Moshe Feldenkrais’ Erbe in der Ausbildung neuer Generationen von Lehrern am sinnvollsten vermitteln lässt.

Ach ja, ...das ist die Geschichte der Menschheit. Bei allen grossen Offenbarungen in der Welt gab es immer Menschen, die sich so sehr davon bezaubern liessen, dass sie anderen nicht zutrauten, diese könnten die neue Lehre ebenso gut verstehen wie sie selbst... Indem sie meinen, sie müssten diese Lehre auf ganz spezielle Art und Weise weitergeben, bezeugen sie letztlich, dass sie selbst nicht in der Lage sind, anderen Menschen zu vertrauen. Daher wird das Wissen von ihnen institutionalisiert und damit getötet !

Ich bin sehr traurig einzugestehen, dass ich beobachte, wie sich diese Tendenz auch in der Feldenkrais Methode bemerkbar macht. - Doch vielleicht sind wir inzwischen etwas reifer geworden und können diese ängstlich kindische Exklusivität hinter uns lassen, indem wir unser Verhalten in grössere Übereinstimmung mit dem, was wir unterrichten, bringen. Mit anderen Worten, indem wir wirklich mehr Variations- und Entwicklungsmöglichkeiten zulassen, wie wir es uns ursprünglich vorgenommen haben.

Gelegentlich erfahren wir von allen möglichen schändlichen, dem Geist der Methode widersprechenden Dingen, die Moshe, wenn er noch lebte, auf die Palme gebracht hätten. Es ist an der Zeit, dass wir unser Haus in Ordnung bringen und unser Verhalten an dem orientieren, was wir unterrichten.

Vor kurzem habe ich Mia Segals Studenten in einer Schweizer Ausbildung für Fortgeschrittene unterrichtet, und die Menschen,die ich dort traf, haben mir sehr imponiert: durch die kultivierte Art ihres Lernens, wie sie einander gegenseitig unterstützten und jede Minute zum Lernen nutzen, durch das Niveau ihres Könnens und Verstehens und ihr bescheidenes Selbstvertrauen.

Warum sollten wir solche Personen aus unserem jungen Berufsverband ausschliessen ? Ich halte es für sehr gesund, mehrere Ausbildungsformate zu haben und das Leben entscheiden zu lassen, welche davon die besten sind - nachdem wir Erfahrung mit solchen Alternativen gesammelt haben.

Es liegt auf der Hand, dass nicht alle Welt eine Ausbildung organisieren darf. Aus diesem Grund haben wir ja einen Ausschuss, der jeden Vorschlag, jeden Antrag sorgfältig zu überprüfen hat. Wenn jedoch immer nur ein einziges Format zur Wahl steht, ist das keine wirkliche Entscheidung; das gleicht vielmehr der Abstimmung in der kommunistischen Partei über eine einzige Liste…. Daher würde ich gerne dafür sorgen, dass wir etwas mehr Energie auf den heilenden Prozess der Überwindung von Konkurenzstreben und elitär-separatistischen Allüren verwenden. Ich bin absolut gegen manche Dinge, die von gewissen Mitgliedern der Gilde, der ich angehöre, angezettelt werden. Ich hoffe, dass wir – besonders in Europa, welches selbst die Vereinigung einer Vielfalt verschiedener Länder zu einem übergeordneten Ganzen darstellt – niemals vergessen, dass uns Unterschiede zur Förderung menschlicher Entwicklung dienen, und wir hoffen, auf diesem Weg zu echter Reife zu gelangen. Unsere Arbeit ist grösser als jeder einzelne von uns, und niemand kann das Monopol für die Feldenkrais Methode für sich beanspruchen – schon gar nicht auf bürokratischem Wege !

Wilkommen