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Lernen lernen - Lernen unterrichten II : Kontakt zu sich selbst: “Klein”, “langsam”, “weich” Praxisbezogene Antworten auf, "Fragen über Fragen" (Feldenkraisforum 53) von Ilana Nevill

Lernen oder Nicht-Lernen, das ist die Frage

Unangemessene Eile verhindert echtes Lernen. Das war für mich der Hauptinhalt einiger Feldenkrais Lexionen mit Myriam Pfeffer, für die „menschlicher Kontakt nur dann möglich ist, wenn wir Kontakt zu uns selbst haben“, und Mia Segal, die ihre Aufgabe hauptsächlich darin sieht, “Menschen sich selbst zurückzugeben”.

Zwei wichtige Lernerfahrungen z.B. verschafften mir blitzartig Einblick in die vielschichtige Verknüpfung von innerer und äußerer Realität eines lernenden Menschen.

„In welche Richtung drehst du dich?” fragte mich Myriam, als wir 1986 in London erforschten, wie man aus dem Schneidersitz zum Stehen kommt. „Nach rechts.” Sobald ich das machte, war klar, dass die Spiralbewegung durch mein gewohnheitsmäßig vor dem linken liegendes rechtes Bein blockiert werden würde. Es begann eine innere Debatte: “Was erwartet Myriam von mir? ...Will ich wirklich blöd erscheinen ... auf halbem Wege stecken bleibe? Soll ich ihr den Gefallen tun oder einen Weg aus der Sackgasse finden?...” Gedacht – getan: ich zog das linke Bein flott unter dem rechten hervor, um mich ungehindert in der eingeschlagenen Richtung weiterzudrehen. Myriam wandte sich mit der Bemerkung von mir ab “So kann man’s natürlich auch machen...” Die Enttäuschung in ihrer Stimme sagte mir, dass ich mit dem flinken Manöver Lernen verhindert hatte.

Ähnlich wegweisend war ein AHA-Erlebnis, das ich Mia verdanke. Bei dieser Gelegenheit lernte ich, mit Angst beim Berühren von Köpfen und Hälsen umzugehen und die damals als irritierend erlebte Kombination von ‚Nichtstun‘ und purer Aufmerksamkeit auszuhalten: Mia leitete mich an, meine Fingerspitzen ganz leicht seitlich auf die Halswirbel einer Partnerin zu legen. Auf Anweisung zu weiterem ‚Tun‘ wartete ich vergebens. Nach einer wahren Ewigkeit fragte Mia: “Was spürst du unter deinem rechten Zeigefinger? – Hast du Angst?” „Nein!“ Nach einer weiteren Ewigkeit: “Und unter deinem linken Zeigefinger? – Hast du Angst?” “Nein!” ...usw..., bis mir schließlich ein Licht aufging: “Solange ich nicht den Kontakt zu dem verliere, was ich gerade spüre, gibt es weder Unsicherheit noch Angst.” Das in diesem Moment hörbare kleine “Plupp” irgendwo in der sich ganz von selbst reorganisierenden Wirbelsäule meiner Partnerin kam für uns beide überraschend und war für mich ein wahres Wunder...

Was für ein Vorbild biete ich meinen Schülern/Innen?

Selbst heute noch (nach 20 Jahren Erfahrung in und mit der Methode) fällt mir beim Unterricht plötzlich auf, dass das, was ich gerade wie sage, nicht so recht in das Idealbild einer stets für neues Lernen offenen, sich selbst und der Welt mit wachem Interesse begegnenden Person passt. Manchmal wird mein Verhalten aus irgend einer Ecke gesteuert, wo sich schon früh alle möglichen Gewohnheiten, Verunsicherungen, Selbstkritik, Streben nach Anerkennung usw. eingenistet haben. Ich weiß inzwischen, dass all das den Zugang zu den inneren Quellen echter Kreativität blockiert und einer dialogisch-partnerschaftlichen Beziehung zwischen Lernenden im Wege steht – besonders da, wo sie sich in getrennten Rollen als Schüler und Lehrer begegnen. Solche Momente helfen mir, Einblick in das zu bekommen, was Moshé Feldenkrais als “cross motivation” bezeichnet (The Potent Self, S.218 ff), und Empathie für Mitmenschen, Klienten, Schüler zu entwickeln, denen die allmähliche Lockerung des “wirren Knotens widersprüchlicher Motivationen” ebenso zu schaffen macht wie mir; die wie ich nach dem “Ende des Fadens” suchen, der zu einem gegebenen Zeitpunkt wirklich der wichtigste ist.

So sind alle, die in meine Praxis kommen, meine Lehrer. Kleine Kinder sind die allerbesten, weil der Knoten bei ihnen noch nicht so dick und fest ist und Spielen und Lernen für sie noch dasselbe bedeuten.

Spielerisches Feldenkrais-Lernen ist für mich im Laufe der Jahre zu einer fesselnden gemeinsamen Exploration geworden, bei der jeder immer wieder überraschend neue Wege zur Überbrückung sich plötzlich zeigender Klüfte entdecken kann: zwischen Innen und Außen, Absicht und Handlung, Denken und Tun, Idealbild und negativem Ich-Bild. Im besten Fall kommt es dabei zur Entstehung eines realistisch-positiveren Selbst-Bildes.

Als ‘Lehrerin’ geht es mir darum, Lernenden zu ermöglichen, Mittel und Wege zu finden, einen Zustand inneren Gleichgewichts (“neutral state”) herzustellen oder wiederzufinden. Wohin und wie geschickt ich ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit in diesem komplexen Forschungsprozess leite, hängt von der Breite und Tiefe meiner eigenen Lernerfahrung ab. Deren Qualität entscheidet, wie feinfühlig ich als ‘objektive’ Beobachterin das Handeln der Lernenden wahrnehme; wieweit ich mich in deren ‘subjektives’ Erleben hineinversetzen kann, d.h. in das, was sie beim kinästhetisch-somatischen In-Sich-Hineinhören spüren können, zumindest wenn ich entsprechende Hinweise gebe. “Il faut le dire!” – “Man muss das sagen” betont Myriam immer wieder: durch Worte oder Berührung.

“Menschlicher Kontakt ist nur möglich, wenn wir zu uns selbst Kontakt haben.”

Das hatte mir Myriam mir in einem Gespräch über erfolgreichen Feldenkrais-Unterricht gesagt (Paris, Oktober 2005); es wurde zum Ausgangspunkt der Planung des Gilde Workshops The 3 Ss in Feldenkrais: Small, Slow, Soft, der Anfang 2006 in London stattfand. Es ging dabei um die subtilen Prinzipien „klein, langsam und weich“, durch die unsere Selbsterfahrung und Selbststeuerung neue Wege zu freundlicheren Beziehungen findet: primär zu und in uns selbst – und damit zu einem harten Stuhl oder Fußboden und zur weiteren Umgebung (Raum und Mitmenschen).

Da wir nicht davon ausgehen können, dass die Aufforderung “Mach weniger,... halb so viel... etc“ für jeden das Gleiche bedeutet, stellten sich ganz konkrete Fragen wie z.B.: Welche Lernstrategien führen wirklich zu einer subjektiv wahrnehmbaren Verringerung unnötiger Anstrengung? Wie lässt sich das Gespür für “das richtige Maß” (Myriam) schulen?

Wir probierten also im Rahmen weitgehend bekannter Bewegungssequenzen verschiedene neue Möglichkeiten aus, wie sich selbst kleinste Veränderungen komplexer Beziehungsgefüge erspüren lassen: im eigenen Körper, im Kontakt mit Boden, Sitzfläche, Raum; vermittels mal gezielt auf einzelne Aspekte gerichteter, mal globalerer Aufmerksamkeit.

Interessante Gelegenheiten zum Klein-,Weich-,Langsam-Machen - und zum Herantasten an das offensichtliche Geheimnis des “neutral state” boten sich durch:

• leichtes Übertreibung der eigenen Organisation im Stehen, Sitzen und Gehen;

• eine Art Selbst-FI, wobei wir entdeckten, dass z.B. vorsichtiges Verschieben der Stirnhaut Aufschluss über persönliche Haltungs- und Bewegungsvorlieben gibt;

• spielerisches Differenzieren von Zungen- und Augenbewegungen;

• gelegentlichen Gebrauch einer “Lufthand”.

Subtiles Übertreiben und Verändern von Gewohntem – gelegentlich durch eine Lufthand unterstützt

Beim leichten Übertreiben der Gewichtsverteilung im Stehen und Sitzen gelang es bald, zunehmend deutlichere Veränderungen in der uns als ‚Prüfstein‘ dienenden Beziehung Kreuzbein-Hinterkopf-Brustbein zu spüren. Das Verhältnis dieser drei Bereiche zur Schwerkraft und zueinander wurde unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht: Stehen Kreuzbein und Hinterkopf senkrecht, leicht nach vorn oder rückwärts geneigt? Wie reagiert das Brustbein, wenn ich z.B. die Haltung eines in sich zusammensinkenden Jugendlichen oder eines militärisch strammstehenden Menschen annehme? Wo zwischen diesen beiden Extremen bin ich selbst ‘zuhause’? Was passiert, wenn ich mein Gewicht aus der subjektiv als “neutral” erlebten Position ganz leicht in eine ungewohnte Richtung verlagere? ‘Angstbarrieren’ entstanden bei manchen schon dadurch, dass sie die bescheidene Intention, das Gewicht auch mal auf den weniger fest aufliegenden Sitzknochen zu verlagern, nicht einfach in die Tat umsetzen konnten, sich unversehens als potentielle ‘Versager’ erlebten.

Drei Strategien ließen sich bei diesen spielerisch-empirischen Versuchen deutlich unterscheiden:

• Die Wirbelsäule ist steif, Kreuzbein, Hinterkopf und Sternum bleiben in der gleichen Konfiguration; die mechanische Pendelbewegung ist für den Kopf am größten.

• Das Becken bleibt weitgehend unbeteiligt, während sich Kopf und Oberkörper nach rechts oder links bewegen, als ob die Rippen auf Regalen hin und hergeschoben würden; auch hier fehlt das Gefühl, eine verlässliche, d.h. starkeund biegsame zentrale Achse zu besitzen.

• Das Becken wird mobil; das Kreuzbein lädt die über ihm angesiedelten Wirbel zum Mitmachen ein; es erfolgt eine Verlängerung der das Gewicht übernehmenden Seite mit leichter Lateralbeugung der Wirbelsäule.

Sobald mehr Bewusstheit-Mobilität vermittelnde relativ harte Lernhilfen wie z.B. ein unter den weniger ‘präsenten’ Sitzknochen gelegtes Brettchen oder dünnes Buch durch eine weich nachgebende “Lufthand” ersetzt wurden (kinderkopfgroßer minimal aufgeblasener ‘overball’), fiel die dritte Strategie selbst denen leicht, die sie vorher für unvorstellbar gehalten hatten. Solch ‚sanftes‘ Mittel scheint dem Lernenden das Loslassen und eine somatisch-funktionell sinnvolle Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten unwiderstehlich nahezulegen: als etwas dem zentralen Nervensystem tief Vertrautes.

Sich als Feldenkrais LehrerIn einen gutbestückten, verlässlichen ‚Werkzeugkasten des Lernens‘ (Guy Claxton) anzueignen, braucht Zeit, viel Zeit: zu immer souveränerer Kontaktaufnahme mit sich selbst, zum Sammeln von Erfahrungen, und zum laufendem kollegialen Austausch, der in unserem Beruf zur Selbstverständlichkeit werden müsste: Als somatische Erzieher leisten wir alle Pionierarbeit, denn wie der Neurobiologe Francisco Varela auf dem ersten Europäischen Kongress (Heidelberg 1995) betonte, arbeiten Feldenkrais Lehrer praktisch und sehr erfolgreich mit komplexen Zusammenhängen, die die Wissenschaft erst in den Griff zu bekommen versucht. Dass wir aber – als um gesellschaftliche Anerkennung bemühte Berufsgruppe – unserer Zeit fast immer noch genauso voraus sind, wie Moshé Feldenkrais es als ‚Einzelkämpfer‘ war, merken wir oft an unseren Unsicherheiten und heimlichen Zweifeln: Kann oder weiß ich wirklich genug?... Kann und weiß ich so viel wie die anderen?

Anstatt solche Verunsicherungen vor einander zu verstecken, könnten wir diese ganz bewusst zum Thema kollegialer Treffen und Artikel machen, wie ich es hier versuche, – und uns damit gegenseitig helfen, manchmal echte, oft aber eher eingebildete Wissens- und Könnensdefizite zum Ausgangspunkt gemeinsamen Lernens zu machen, wie bei dem Londoner Workshop. Dort zeigte sich, dass gegenseitiges Vertrauen (z.B. die Bereitschaft zu freimütigem Eingeständnis von ‚Problemen‘ oder ,Defekten‘) im gleichen Maße zunimmt wie das Vertrauen zu sich selbst.

Überraschungen wie am Ende des Londoner Workshops, wo z.B. beim leichten Verschieben der Haut eines Fingers alle genau spürten, in welcher Weise und Richtung Wirbelsäule und Becken dabei ‘mitgehen’, stellen den lebendigen Kern unserer Methode dar. Sie beweisen uns immer wieder, dass echtes Lernen genau dort stattfindet, wo wir mehr oder weniger “verwirrt” sind und mit gewohnten Mitteln nicht weiterkommen.

Wenn wir solch potenzielle Sternstunden des Lernens kreativ nutzen lernen, sollte es uns mit der Zeit gelingen, eine unserer Methode gemäße LERN-UND-LEHR-KULTUR zu entwickeln.

Wilkommen

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