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Feldenkraisnow

Mit ein bisschen Luft hast du mehr als zwei Hände Ein Gespraech zwischen Uta Ruge und Ilana Nevill (Feldenkraisforum, Ausgabe 70 , 2010)

Als ein Ort experimentellen und kollegialen Lernens zog mich im April dieses Jahres ein kleines Bergdorf namens La Ruzole du Haut in den französischen Pyrenäen an. Dort fand ein Workshop mit Ilana Nevill statt, die seit zwanzig Jahren Feldenkraislehrerin und seit 1996 Trainingsassistentin ist. Sie hatte ein Luft-Laboratorium ausgeschrieben, zu dem zwölf neugierige, experimentierfreudige Menschen zusammenkamen, mehrheitlich französische KollegInnen. Die Luft, um die es dabei ging, war in kleinere und größere Bälle eingesperrt, mit deren Einsatz – als spezielles Hilfsmittel bei ATM und FI – Ilana seit vielen Jahren experimentiert. Mit Blick auf die schneebedeckte Bergkette in Richtung Spanien saßen wir am Ende des luftigen Abenteuers zusammen und sprachen über den Weg, den Ilana, inzwischen junge siebzig Jahre alt, bis hier her gemacht hat

Uta Ruge: Zuerst möchte ich dich bitten, aus deinem ‚vor-feldenkraisischen’ Leben zu erzählen – sozusagen den Weg zu beschreiben, auf dem du zu Feldenkrais und zu den Bällen gekommen bist.

Ilana Nevill: Ich kam drei Monate vor Anfang des Zweiten Weltkriegs in Mecklenburg zur Welt. Mein Vater war Testpilot an einem Entwicklungszentrum für Flugzeuge nördlich von Berlin. Kurz vor Kriegsende hat er uns mit anderen Frauen und Kindern im Schutz der Nacht nach Schleswig-Holstein ausgeflogen. Nach der Landung wurde mein Vater von den Engländern in ein Gefangenenlager gebracht, während meine Mutter, mein Bruder und ich in ein Flüchtlingslager kamen.

U: Wo und wann kamst du dann in die Schule?

I: Das war 1946 in Oldenburg. Doch kurz nach Beginn des ersten Schuljahres wurde ich von einem englischen Jeep erfasst und kam mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus. Danach kam ich in der Schule nicht mehr mit und musste die erste Klasse wiederholen – als ärmliches, obendrein noch doofes Flüchtlingskind. Die Prüfung zum Gymnasium schaffte ich trotzdem, und zum ersten Mal fand ich Schule toll, auch wenn bald im Klassenbuch stand: „Lässt sich gehen und hat nicht den Willen, sich einzufügen“. Kurz nach meinem Beginn des Gymnasiums hatte meine Mutter die Familie sitzen lassen, und von da an musste ich mich noch mehr als bisher um meine beiden Brüder kümmern. Zu dieser Zeit wollten mehrere Leute ,das arme Mädchen’ unbedingt erziehen, und ich lernte, geschickt zwischen verschiedenen Erziehungsvorstellungen zu lavieren. Wenn mir das mal wieder zu kompliziert wurde, habe ich mich im Wald auf den Boden geworfen und mich vom emsigen Treiben der Käfer und Ameisen faszinieren lassen – und abends von der kaum merklichen Bewegung der Sterne. Eingespannt zwischen der kleinsten Welt und der größten, habe ich früh Abstand gewonnen und irgendwann bewusst beschlossen, Zaungast meines eigenen Lebens zu werden: ,Mal sehen, wie sich das so entwickelt.’ Von dieser inneren Warte aus konnte ich alles interessant finden – selbst die Idiotien wohlmeinender Mitmenschen. Die letzten zwei Schuljahre verbrachte ich in einer der UNESCO angeschlossenen Schule in Hamburg. Unsere Deutschlehrerin konfrontierte uns durch Zeitzeugen schon früh mit dem immer noch existierenden Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland, und ich hatte bald das Gefühl, ich kann in Deutschland nicht bleiben.

U: Aber du bist schon noch eine Zeitlang in Deutschland geblieben...

I: Ja, ich habe in Hamburg Englisch und Französisch studiert. Später war ich in Köln, wo ich Tim, meinen zukünftigen Mann, kennen lernte, der an der Uni English Conversation anbot. Es war klar, dass ich irgendwann mit ihm nach England gehen würde. Nach der Geburt und dem frühen Tod unseres ersten Kindes habe in einer Europäischen Sprach- und Bildungsanstalt Deutsch unterrichtet, statt mein Studium wieder aufzunehmen. Als Andrew, unser zweiter Sohn, drei Jahre alt war, bin ich an die Pädagogische Hochschule gegangen.

U: Und dieses Studium hast du dann abgeschlossen?

I: Ja, der Abschluss Diplompädagogik wurde damals gerade geschaffen. Meine Diplomarbeit habe ich über das englische Grundschulsystem zur Zeit des Plowden-Report (1) geschrieben. Ich bin oft in englischen Schulen gewesen, um Material für meine Arbeit zu sammeln. Es war einmalig zu erleben, wie jedes Kind das lernte und tat, wozu es in dem Moment motiviert war. Da wurde nicht, wie in Deutschland, im Marschschritt gemeinsam vorangegangen. Meine Pädagogik-Professorin bot mir an, ihre Assistentin zu werden, aber ein Akademikerleben, das wollte ich nicht. 1974 waren wir schon zwei Stunden nach der letzten Prüfung auf dem Weg nach England. Dort angekommen, stand ich plötzlich vor dem Nichts in Bezug auf die innere Erfahrung eines sinnvollen Lebens.

U: Und Feldenkrais war da immer noch nicht am Horizont aufgetaucht?

I: Nein, zuerst machte ich ein Yoga-Lehrer-Diplom, unterrichtete in zugigen Village-Halls und später auch an einer Privatschule für Mädchen, wo ich als Deutschlehrerin angestellt wurde. Zu den pädagogischen Erfahrungen, die ich dort machte, gehörte besonders, dass in diesem teuren Internat etwas Entscheidendes fehlte: die Menschlichkeit. – Als wir dann einmal in Bayern zu Besuch waren, fiel mir in einer Buchhandlung in Murnau ein Titel ins Auge: „Bewusstheit durch Bewegung“. „WAS? Da ist ja alles schon entwickelt!“, dachte ich, denn in meinem Yogaunterricht hatte ich zunehmend versucht, die Schüler langsam wegzubringen von zielstrebigen Handlungen. Jetzt sah ich, Feldenkrais hat das alles schon durchdacht und sehr viel differenzierter strukturiert, als ich es aus anderen Ansätzen somatischen Lernens kannte. Doch in England hatte niemand, den ich fragte, je das Wort „Feldenkrais“ gehört.

U: Wann war das?

I: Mitte der 80ziger Jahre. Eines Tages erfuhr ich von einer Sendung in der BBC, in der auch Feldenkrais vorkam. So bekam ich Kontakt mit den Organisatoren des geplanten ersten englischen Trainings und kratzte vor allem durch Übersetzungsarbeiten auch das Geld dafür zusammen.

U: Eure Ausbildung hatte einige Merkwürdigkeiten zu verzeichnen…

I: Das kann man wohl sagen. Wir waren fast 80 Leute aus aller Welt, hatten insgesamt neun Trainer und einen mehrmals wechselnden Educational Director. Eine klare Antwort auf die Frage:Was ist eigentlich Feldenkrais? schien keiner zu haben. Als akademisch ausgebildete Pädagogin suchte ich nach Konzepten und Prinzipien und kriegte gelegentlich eins auf den Deckel: ‚Hier wird nicht geredet. Erfahrung machen, basta!’ Aber ich wollte verstehen, worum es Moshé Feldenkrais wirklich ging. Kurz vor seinem Tod soll er gesagt haben, wenn seine Methode gut genug ist, würde sie überleben, selbst wenn die wenigsten der von ihm ausgebildeten Menschen sie schon wirklich verstanden hätten. Für mich ist das wie ein Aufruf, daran zu arbeiten, das Wesentliche zu begreifen und dann auch in Worte zu fassen, d.h. eine Sprache zu finden für etwas, was im Grunde in unserer Welt noch kaum existiert. Darin sah ich auch meine Hauptaufgabe als Redakteurin des Feldenkrais Journals U.K., von dem zwischen 1991 bis 1993 fünf Hefte erschienen. Erst Jahre später wurde mir bewusst, was ich alles aus den während unseres Trainings gezeigten Amherst Videos gelernt hatte. Mir waren damals – wie vielen anderen auch – fast jedes Mal, wenn eine FI von Moshé mit einem Kind gezeigt wurde, die Tränen runtergelaufen. Es war einfach klar: Das stimmt! So muss es sein! Und das blieb Vorbild für mich. Feldenkrais erinnerte mich übrigens sofort an Gurdjeff (2). Ich hatte in England Gurdjieffs Lehre und einige seiner berühmten Movements studiert. Moshé hat auch selbst oft auf Gurdjeff hingewiesen und z.B. Mia Segal, seiner ersten Assistentin, die Lektüre von P.D. Ouspenskys Buch „Auf der Suche nach dem Wunderbaren“ ans Herz gelegt.

U: Mia Segal scheint für dich ein sehr wichtiger Mensch zu sein.

I: Ja, ich hatte während des Trainings ein Interview mit ihr gelesen und wollte sie unbedingt kennen lernen. Das war gar nicht so einfach, denn Mia war damals in ‚akkreditierten’ Kreisen für viele noch persona non grata. Aber dann hatte ich das Glück, ein von ihr geleitetes Einführungsworkshop in Oxford zu erleben. Ich kam mir dort sofort wie ein Fisch aus der Themse vor, der plötzlich in einem Bergsee schwimmt. Alles schien auf einmal kristallklar und ich fragte mich immer wieder: Wie weiß diese Frau, dass das bei mir gerade passiert? und dachte, eigentlich sollte ich die Ausbildung wechseln. Da ich bereits im letzten Ausbildungsjahr war und wusste, dass von Mia Segal ausgebildete Practitioners in der ‚Feldenkraiswelt’ damals nicht anerkannt wurden, habe ich lieber das Training in London beendet und gleichzeitig ein Jahr bei Mia in Nimwegen studiert.

U: Was war bei Mia Segal so anders?

I: In ihrer Ausbildung ging ATM immer wieder in FI über. Doch gab es dabei eine wichtige Vermittlungsstufe: Erst einmal den anderen in der Bewegung sehen. Was siehst du? Nichts, nichts, nichts… Leg doch mal die Hand da hin, wo du siehst, der bewegt sich da. Oh! Nun bewegt er sich anders. Jetzt die Hand vielleicht mal dahin legen, wo keine Bewegung ist. Erstaunlich! Jetzt bewegt er sich auch da und insgesamt harmonischer! Es ging vom Selbst-Machen zum Sehen, über das Nichts-Sehen zum Spüren der Bewegung allmählich dahin, dass man mal ein bisschen mit der Bewegung mitging, so dass das Ganze plötzlich einen Zusammenhang kriegte.

U: Du hast nach dem Training viele Jahre in Bath als Feldenkrais-Practitioner gearbeitet. Wie kamst du darauf, mit aufblasbaren Bällen zu experimentieren?

I: In England kriegte man damals schnell mit, dass sich nicht jeder sofort berühren lässt. Mehr oder weniger aufgeblasene Bälle wurden in dem Augenblick aktuell, als ich als Freiwillige in einer Neuro-Rehabilitationsklinik zu arbeiten begann. Und dann traf ich in einem Hospiz auf Becky Green, ein 19-jähriges Mädchen mit unheilbarem Krebs und oft wahnsinnigen Schmerzen. Becky ließ sich überhaupt nicht anrühren und wollte eigentlich nur noch einmal tanzen können, aber ihr Bein kippte immer unter ihr weg. Ich hatte inzwischen in Carl Ginsburgs Santa-Fe-Training (1994-1998) mit verschiedenen Bällen experimentiert und gemerkt, dass sie weich und nachgiebig werden, wenn man ein bisschen die Luft raus lässt. Dann sind sie ideal als Stütze, erleichtern viele Bewegungen und geben verlässliches Feedback. Ich fasste also drei eiförmige Bälle in einer Schlaufe aus Tuch zusammen, Becky legte sich drauf, die Arme auf Kissen gestützt, die Beine angewinkelt, die Füße sicher auf dem Boden. Sie hatte vorher ihre Musik aufgelegt, und ich brauchte dann nur den Rhythmus in die Bälle zu drücken. Becky strahlte, tanzte innerlich mit und gewann schließlich so viel Vertrauen, dass ich sie überall anfassen konnte. Am Ende gehorchten ihr sogar wieder beide Beine, und manchmal tanzte sie fast so ausgelassen wie vor ihrer Erkrankung. Wir haben neun Monate miteinander gearbeitet. Ostern 1995 ist sie gestorben. Der zweite Schüler-Lehrer in Sachen Luft war der kleine William, noch nicht ganz drei, der mit einem Wasserkopf zur Welt kam. Ihm war sofort ein Drainageschlauch gelegt worden. Auch er war so traumatisiert, dass er sich von niemand Fremden anfassen ließ. Ich habe über meine Arbeit mit ihm berichtet (3). Jedenfalls hat William einmal nach einem waghalsigen Sprung etwas sehr Wichtiges gesagt: ‚Ich hatte Angst, das ich fallen würde, aber ich wusste, dass ich nicht falle.’ Das war für mich ausschlaggebend, nämlich dass der damals Siebenjährige klar unterscheiden konnte zwischen seiner Angst und dem gleichzeitigen Gefühl: ‚Ich schaff es, wenn ich mit mir selbst in Kontakt bleibe’. Die Unterstützung eines solchen Prozesses der Selbstfindung steht für mich im Zentrum des feldenkraisischen Dialogs.

U: Irgendwann kamen dann die ‚Lufthände’ hinzu… Wie kamst du darauf?

I: Als ich bei einer ATM das Bedürfnis empfand, den Schülern mit meiner Hand irgendwo Feedback zu geben. Ich hatte ja nur zwei Hände. Sobald ich aus kleinen Ballons die Luft fast ganz raus ließ, hatte ich so viele Lufthände wie ich brauchte. Ich ließ die Schüler z.B. genau dort eine Lufthand hinlegen, wo sie im Sitzen einen der Sitzknochen nicht recht spürten. Meist ließen sie sich dort, wo sie vorher kaum oder keinen Kontakt gehabt hatten, sofort ein bisschen stützen und tragen. Wird diese angenehm nachgebende ,Hand’ anschließend entfernt, sagen die Leute fast immer: „Oh, das Gewicht ist jetzt gleichmäßiger verteilt.“ Auch die für viele Leute schwierige Beckenuhr geht, sobald die Lendenwirbelsäule durch sanfte Unterstützung beweglich wird.

U: Worauf führst du das zurück?

I: Entscheidend scheint zu sein, dass die sanft stützende Überbrückung der ‚Leere’, wo der Kontakt mit Boden oder Sitzfläche sonst fehlt, – während er an anderen Stellen fast zu stark ist und die Bewegung nicht durchgeht –, die freundliche Aufforderung enthält, einfach mal loszulassen.

U: Die Lufthand wäre also so etwas wie ein Vertrauens-Herstellungs-Instrument…

I: Das Gefühl, dort gestützt zu werden, wo vorher Leere war, scheint eine fundamentale Erfahrung wachzurufen, die wohl jeder Mensch im Mutterleib gemacht hat. In der Arbeit mit behinderten Kindern und Babys bin ich jedenfalls zur Überzeugung gekommen, dass sie durch die Bälle in eine Lebensphase zurückversetzt werden, wo ihre Bewegungen weich und fließend waren und sie noch keine harten Kanten und frustrierenden Widerständen kannten. Kinder, die bei der herkömmlich ‚korrigierenden’ Behandlung oft schreien – wie ich es in einem palästinensischen Zentrum in Ost Jerusalem immer wieder erlebt habe – werden still, fröhlich und aufmerksam, sobald sie mit den Bällen in Berührung kommen und Becken und Wirbelsäule anfangen, sanft mit deren Bewegung mitzugehen. Allein der Anblick eines bunten Balls versetzt sie in Spielstimmung und macht sie damit lernbereit. – Wenn ich selbst überdreht bin, lege ich mich manchmal auf mein Luftbett, und sobald mein ganzer Körper gleichmäßig unterstützt wird, habe ich das Gefühl, es gibt unter mir ein ganz kleines Echo auf meine Atmung. Mein eigener Atem wiegt mich dann sozusagen in eine tiefe Entspannung und innere Ruhe…

U: Das war auch meine erste Erfahrung, als ich hier auf einem Luftbett lag. Dieses Gefühl, die Bälle unter mir atmen... Mein Atem füllt einen großen Raum.

I: Selbst mit einem kleinen Ball lässt sich die Befreiung des Atems gut unterstützen. Z.B kann man seine Schüler den Atemrhythmus dadurch begleiten lassen, dass sie die Handflächen sanft in einen auf Brust oder Bauch liegenden Ball drücken – vom Zentrum aus, sodass die Finger sich wie Blütenblätter weich öffnen und schließen. Manche pressen den Ball fest zusammen, wenn sie einatmen und lassen beim Ausatmen abrupt los. Andere lassen beim Einströmen der Luft los und drücken den Ball leicht zusammen, wenn sie wieder ausatmen. Da kann man schön ansetzen und ATMs rund um den Atem klären.

U: Zur Frage, ob man etwas wirklich klären kann mit den weichen Bällen, bist du in der Feldenkrais-Community auf Skepsis gestoßen.

I: Zu Anfang schon. Manche sagten gleich: ‚Och, das ist mir zu ungenau und unsicher, ich brauche den sicheren Boden.’ Mir selbst fehlte zu dieser Zeit noch der sichere Boden eigenen Verstehens, den ich inzwischen durch lange Praxis habe.

U: Meine Erfahrung ist, dass man einen hohen Grad an Präzision haben oder lernen muss, um mit den Bällen zu arbeiten. Allerdings scheint die Selbstorganisation und Präzision durch die Arbeit mit den Bällen auch besser zu werden…

I: Man muss den Mut haben anzufangen, dann merkt man vielleicht, dass man nicht gut genug organisiert ist, um dieses Lernmittel wirklich effektiv einzusetzen. In dem Maße, in dem man lernt, besser damit umzugehen, wird man sicherer, und dann hat auch der Lernende mehr Vertrauen; das gibt einem Mut, noch einen Schritt zu wagen... Es ist wirklich ein gemeinsamer Lernprozess. Denn es kommt ja jemand, den du nicht oder kaum kennst, mit einem ,Problem’ oder Schmerzen, und du fragst dich: ,Was mach ich jetzt?’ Und schon musst du etwas wagen... Die uns immer wieder bewegende Frage nach der ,Intention’ ist für mich inzwischen klar und eindeutig vor allem eins: mich auf einen Dialog mit dem anderen einzulassen und mich darauf zu verlassen, dass sich in dessen Verlauf fast wie von selbst klärt, was zu tun ist.

U: Apropos ‚etwas wagen’: Lass uns noch auf euren Umzug nach Frankreich zu sprechen kommen.

I: Nach Verlust von Tims Einkommen als langjähriger Übersetzer für das Goethe-Institut haben wir uns entschieden, in dies kleine Berggehöft in den Pyrenäen zu ziehen. Hier in Frankreich traf ich bald auf KollegInnen, die mich als Assistentin aus Myriam Pfeffers Pariser Training kannten und sich für meine experimentelle Arbeit interessierten. Seit vier Jahren werde ich gelegentlich von französischen Feldenkrais Gruppen eingeladen, letztes Jahr sogar offiziell von Feldenkrais France – zu einem dreitägigen Fortgeschrittenen-Seminar in Tours. Das Interesse an Systematik und strukturierter Anwendung der Bälle scheint in Frankreich relativ groß zu sein.

U: Was sagst du aber Kollegen, die dir entgegenhalten, man brauche den klaren Kontakt, d.h. die Härte des Bodens oder der Liege?

I: Solange man sich selbst und vor allem sein Skelett nicht spürt, kann man auch keinen richtigen Kontakt zum Boden finden. Immer wieder bestätigte sich, dass eben genau dies durch die Bälle geschieht. Zum Beispiel hat mich noch in England ein an MS erkrankter Anthropologe und Focusing Experte, der die Feldenkrais Methode schon länger kannte, geradezu gezwungen, einen Film (4) über das Luftbett und meine experimentelle Arbeit zu machen. Er sagte: „Es ist einmalig. Ich kann jetzt mein Skelett spüren, ich spüre Stellen, die vorher nicht in meiner Wahrnehmung waren.“ Er bestand darauf: Auf dem Lufttisch lassen sich Beziehungen innerhalb der eigenen Struktur klären, wie es im Kontakt mit dem harten Boden so deutlich kaum möglich ist. Bereitschaft und die Fähigkeit, sich wirklich zu spüren, werden auf dem sich dem ganzen Körper anschmiegenden Bett entscheidend gefördert. Das war vor allem zu beobachten, wenn ich jemand im Stehen oder auf dem Boden liegend nochmals sein Skelett und seine Beziehung zur Schwerkraft spüren ließ.

U: Was sind deine Hoffnungen und Vorhaben für die Zukunft?

I: Der nächste Schritt wäre vielleicht, gemeinsam mit ein paar KollegInnen einen pädagogischen Film zu machen. Bei einem solchen Projekt sollte es vielleicht auch darum gehen, den heute populär werdenden Begriff “tensegrity” (tension integrity = einheitlich ausbalancierte Spannung) in Bezug auf die Arbeit mit Bällen unter die Lupe zu nehmen. Vereinfacht gesagt meint “tensegrity” die jedem gesunden Organismus (und erdbebensicheren Gebäuden) innewohnende Fähigkeit, auch größere Belastungen durch Zug und Druck zu überstehen, ohne dass sie Schaden an ihrer Struktur erleiden. (5) Ein immer wieder federnd zu seiner Form zurückfindender luftgefüllter Ball ist das einfachste Tensegritymodell. Vielleicht kann er deshalb den zunehmend durch Dauerstress lädierten, nervlich überlasteten menschlichen Organismus an etwas erinnern, das ihm in früher Kindheit selbstverständlich war. Ich bin jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass ein solches Hilfsmittel uns und unseren Schülern beim somatischen Lernen äußerst nützlich sein kann. Denn die Fähigkeit, differenziert und global wahrzunehmen, wird in Zukunft für uns alle immer lebenswichtiger werden.

 

Fußnoten + Literaturhinweise

(1) The Plowden-Report: Children and their Primary Schools, 1967

(2) G.I. Gurdjeff: Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen P.D. Ouspensky: ,Auf der Suche nach dem Wunderbaren’

(3) Ilana Nevill: ‚Die Macht der Fantasie’ in: Zuerst bin ich im Kopf gegangen & andere Feldenkraisgeschichten, Hrsg. Ruge/Weise, Karlsruhe 2007

(4) SUPPORTED BY AIR – Using the Medium of Air in the Feldenkrais Method, 2000

(5) Thomas W. Myers: Anatomy Trains – Myofascial Meridians for Manual and Movement Therapies’,Churchill Livingstone, 2001, S. 41 – 49

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